Am 23. November stellt die 17-jährige Feroza Aziz aus New Jersey ein Video ins Internet und stößt damit einen chinesischen Milliarden-Konzern in die Krise. "Hey guys", sagt sie in die Kamera, in ihrer Hand hält sie eine Wimpernzange, "ich werde euch beibringen, wie man lange Wimpern bekommt."

Doch @getmefamouspartthree, wie Feroza Aziz auf der Videoplattform TikTok heißt, redet in Wahrheit gar nicht über Wimpern und Make-up. Sie lässt es nur so aussehen, als Tarnung. "Jetzt nehmt euer Handy und lest nach, was gerade in China passiert, wie sie Konzentrationslager bauen und darin unschuldige Muslime stecken", sagt Aziz, die selbst Muslimin ist. Es folgt eine Abrechnung mit der chinesischen Uiguren-Politik.

Weil TikTok daraufhin den Zugang zu ihrem Account sperrt und das Video vier Tage später für 50 Minuten von der Plattform nimmt, ist eine Debatte entbrannt, in der es um die Grundfragen des Internets geht: Gelingt es den Chinesen, das angeblich so freie Netz mit Kontrollen einzuschränken? Exportiert das autoritäre Regime über einen der global erfolgreichsten Technologiekonzerne des Landes seine Zensur und zwingt dem Westen so sein Wertesystem auf, laut dem es gar keine Menschenrechtsverletzungen an den Uiguren gibt?

TikTok ist das größte Internet-Phänomen des Augenblicks. Im vergangenen Jahr wurde die App weltweit häufiger heruntergeladen als jede andere – öfter als WhatsApp, Facebook oder Instagram. Keine andere Social-Media-Plattform ist je so schnell gewachsen. 800 Millionen Menschen sind bei TikTok angemeldet, darunter vor allem 13- bis 25-Jährige. Sie drehen kurze Videoclips, in denen nahezu alles passieren kann. Sie tanzen, singen, springen, machen Witze. Und laden die Videos in ein globales Netzwerk hoch. Jeder auf der Welt kann sie sehen, liken, teilen. Eine private Öffentlichkeit gibt es nicht. Welcher Nutzer welches Video zu sehen bekommt, entscheidet ein personalisierter Algorithmus, über dessen Logik das Unternehmen nicht spricht. Mit TikTok hat eine chinesische App erstmals Einfluss auf Millionen Jugendliche außerhalb der Grenzen des Landes.

800 Millionen Menschen nutzen die Social-Media-App weltweit. Die meisten von ihnen sind Jugendliche

Hinter TikTok steckt das chinesische Milliarden-Unternehmen ByteDance. Es gilt als wertvollstes Start-up der Welt, ist dafür aber in Deutschland erstaunlich unbekannt. Investoren schätzen ByteDance’ Wert auf 78 Milliarden Dollar, das ist mehr als der von Uber und Snapchat zusammen. Der Gründer, Zhang Yiming, war 29 Jahre alt, als er ByteDance 2012 aufbaute. Heute gehört er zu den reichsten Menschen Chinas. Für den chinesischen Markt hat er eine News-App entwickelt, die in China seit mehreren Jahren enormen Erfolg hat.

Zhang Yiming gründete TikTok 2016 für den globalen Markt, 2018 kaufte ByteDance die ebenfalls chinesische Lip-Sync-App Musical.ly auf, die in den Vereinigten Staaten und Europa bereits großen Erfolg hatte, und führte sie mit TikTok zusammen.

Chinesische Tech-Unternehmen, die global erfolgreich sein wollen, müssen sich in zwei verschiedenen Welten bewegen. In Deutschland oder den USA ist es üblich, in den sozialen Medien gleichermaßen über Schweres und Leichtes zu sprechen. In China ist das nicht möglich. Dort hat ByteDance deswegen eine eigene Version von TikTok, Douyin heißt sie. Äußerlich unterscheiden sich beide Apps kaum. Sie haben dasselbe Logo und dieselben Funktionen, sind aber für unterschiedliche Weltordnungen gemacht. Videos, die sich auf TikTok viral verbreiten, sind also auf Douyin gar nicht zu finden, wie etwa Feroza Aziz’ Clip.

Darin gleicht Douyin anderen chinesischen Internetplattformen, Weibo oder Baidu zum Beispiel: Nirgendwo gibt es Inhalte, die der Linie der kommunistischen Partei widersprechen. Die will Douyin zudem selbst stärker nutzen. Sie plant, Influencer auf TikTok einzustellen, meldete das chinesische Techmedium Abacus.