Je weniger Tage bis Heiligabend, desto mehr Spiegelstriche auf der To-do-Liste. Wer das kennt und deshalb schon Anfang Dezember Jahresendzeit-Panik spürt, der kann jetzt Trost in einer ganz anderen Art von Weihnachts-Countdown suchen: Vier Kerzen, drei Könige, zwei Augen, ein Stern heißt der schmale Gedichtband für Kinder und Erwachsene, in dem der Lyriker Arne Rautenberg und die Illustratorin Katrin Stangl die altbekannten Versatzstücke unserer Weihnachtswelt so gekonnt durcheinanderrütteln, dass selbst Konsumkritiker und Zimtsternhasser beim Lesen wieder Lust auf die vor uns liegenden Feiertage bekommen.

Ungewöhnlich an diesem Gemeinschaftswerk ist schon der Einband: Statt in dunklem Weihnachts-Weinrot leuchtet er in einer grellen Farbe irgendwo zwischen Neonorange und Tomate – ein Ton, der sich in Katrin Stangls Illustrationen durchs gesamte Buch zieht. Mindestens genauso erfrischend: der lässige und gut gelaunte Ton, den Autor Arne Rautenberg ab der ersten Seite anschlägt.

Hans Magnus Enzensberger fragte einst: "Warum kommt es uns manchmal so vor, als hafte der ganzen Sache der ›Lyrik‹ etwas Trübes, Zähes, Dumpfes, Muffiges an?" Für Weihnachtsgedichte gilt diese Frage besonders, weil ja dem ganzen Feiertagsbrimborium schnell etwas Überkommenes anhängt. Aber damit räumt Rautenberg gleich auf. Nachdem er sein allererstes Gedicht komplett im Buchtitel untergebracht hat, lässt er im – dann offiziell – ersten von 24 Gedichten eine skurrile Bande aufmarschieren: die "Kundschafterwichtel", Gehilfen eines Weihnachtsmanns, der genau weiß, wer neulich nicht brav war. Unangenehme Gesellen also, von Katrin Stangl mit täuschend niedlichen Kitteln und Zipfelmützen ausgestattet. Rautenberg zieht sie durch den richtigen Reim an der richtigen Stelle sofort ins Lächerliche: "hüte dich vor den kundschafterwichteln / sie werden dem weihnachtsmann alles berichteln / wie du den schulweg lustlos verbummelst / deinen kleinen bruder beim mau-mau beschummelst". Es folgt eine Aufzählung von Fehlleistungen der Art, für die Kinder früher gerne unterm Tannenbaum bloßgestellt wurden, und der miesepetrige Anwurf: "da kannst du noch so traurig gesichteln / hüte dich vor den kundschafterwichteln". Die zweite, spiegelbildlich aufgebaute Gedichthälfte reißt diese Drohkulisse dann so schnell und schön ein, wie es nur ein Gedicht kann. Von einer Zeile zur nächsten verwandeln sich die Denunzianten-Wichtel in Kronzeugen glücklicher und entspannter Kinder-Momente: "sie werden dem weihnachtsmann alles berichteln (...) / wie du dein taschengeld zu geschenken machst / und nach zehn superrollen beim turnen lachst / da kannst du wirklich fröhlich gesichteln / freue dich mit den kundschafterwichteln".

Nachdem er die frohe Botschaft so von moralischem Ballast befreit hat, entwirft Arne Rautenberg ein buntes und federleichtes Weihnachts-Universum. Darin schrumpfen Autoritäten auf Normalmaß, und die Festtagsatmosphäre übersteht den ein oder anderen Härtetest, unter anderem beim Friseur: "umstyling ist angesacht / umstyling für die heilige nacht". Ihre belebende Wirkung entfalten seine Gedichte am besten, wenn man sie laut liest, vorliest, zusammen liest. Ihr oft serieller Aufbau lädt dazu ein, sie weiterzuspinnen und -drehen; auch ein Mittel, Stimmung in ansonsten hektische Tage zu bringen. Das funktioniert wunderbar, wenn es um geheime Wünsche geht: "schenk mir alles was ich will / zum kokeln einen kleinen grill". Wobei die tollsten Geschenke im Sinne des Dichters natürlich Lieblingswörter sind: "schneegestöber / hampelmann / kuscheltier / federbett".

Dass schöne Worte auch für Kinder ein Geschenk sind, haben Rautenberg und andere zeitgenössische Lyrikerinnen und Lyriker ihrem Publikum in den letzten Jahren schon in einigen liebevoll gestalteten Anthologien bewiesen – fast ausnahmslos mit Tiergedichten. Ohne Tiere geht fast nichts in der Kinderlyrik, und so haben auch in diesem schrägen Weihnachts-Wunderland neben Ochs und Esel noch ganz andere Kreaturen ihren Auftritt: "weihnacht bei / familie schlange / dauert meist / besonders lange", und später: "festlich zischt man / fesche zoten / schwatzt von lebenden / und toten / wegzukriechen / ist verboten".

So vielfältig wie die Motive sind die lyrischen Mittel, derer sich Arne Rautenberg bedient: Beim Schlangenfest windet sich auch die Typografie in Richtung visuelle Poesie. Reime haben ihren Platz, aber es geht auch prima ohne. Versform und Versmaß sitzen, wichtiger noch ist die Lust am Rhythmus und am Wortspiel: "warum im mai nicht mainachten" – "in jedem fall schulfreinachten" – "oder ganz laut schreinachten".

Selbst wenn es ums Schreien geht, schreibt Rautenberg konsequent alle Wörter klein, was den Texten einen eleganten Look verleiht, aber noch andere Gründe hat: Nach eigener Aussage mag der Dichter es nicht, wenn einige Wörter wichtiger wirken als andere, sich über die anderen erheben. Zu diesem mitfühlenden Minimalismus passen Katrin Stangls reduzierte Illustrationen. Sie verwendet das Standard-Inventar von Schneeflocke bis Christbaumkugel zwar manchmal ein bisschen fantasielos, stellt es aber zumindest auf den Kopf oder verfremdet es farblich: Dem schon erwähnten Grellrot ordnet sie als zweite Grundfarbe weder Tannengrün noch Glöckchengold zu, sondern ein kühles, klares Blau. Und durch die vielen Leerstellen ihrer schablonenartig collagierten Bilder schimmert das weiße Papier so hell wie Schnee.

Stangl und Rautenberg ist ein selten cooler Lyrikband geglückt. Spielerisch unterlaufen die beiden visuelle wie sprachliche Konventionen und füllen sie so mit neuem Leben (ein Ansatz, der zu Weihnachten sowieso guttut ...). Ein Riesenspaß für Kleine und Große, der viele Synapsen wachkitzelt. Und weil Gedichte, zumindest diese Gedichte, so schön kurz sind, lassen sie sich auch mitten in der Adventshektik lesen – notfalls sogar zwischen zwei Spiegelstrichen einer To-do-Liste.

Arne Rautenberg/Katrin Stangl (Ill.): Vier Kerzen, drei Könige, zwei Augen, ein Stern. Peter Hammer Verlag 2019; 32 S., 14,– €; ab 5 Jahren