Einfache Analogien verböten sich, sagt Jürgen John. "Doch die Parallelen sind da." Und wo sie doch da sind, müsse man auch darüber sprechen. Bis zu seiner Pensionierung 2007 war John an der Universität Jena Professor für mitteldeutsche Regionalgeschichte. Sein Metier ist die Thüringer Vergangenheit, doch die Gegenwart schummelt sich immer wieder hinein – vor allem jetzt, da die politische Lage besonders unübersichtlich ist.

Die einzige Linke-geführte Regierung in Deutschland hat keine Mehrheit mehr. Für eine CDU-geführte Regierung unter Beteiligung von Grünen, SPD und FDP reicht es ebenfalls nicht. Und mit den Linken koalieren, die man doch bekämpft hat? Das will die CDU nicht.

Aber da ist ja noch die AfD, die eine "bürgerliche Zusammenarbeit" anbietet – obwohl sie in Thüringen besonders extremistisch auftritt. Ihr Landeschef Björn Höcke hat CDU und FDP einen Brief geschrieben, in dem plötzlich nicht mehr von der "Fundamentalopposition" die Rede ist. "Eine etwaige praktische Umsetzung wird immer Kompromisse eingehen müssen", erklärt er stattdessen. Es gibt so einige in der CDU, die auf das Angebot gerne eingehen würden.

Und hier beginnt sie, die Parallele, die Jürgen John zeichnet und die zurück bis in den Februar des Jahres 1924 reicht, hinein in das noch sehr junge Thüringen, in dem eine linke Regierung ihre Mehrheit verliert und von einem konservativen Bündnis, geduldet von Rechtsextremen, abgelöst wird. Die Hauptstadt des Landes ist nicht Erfurt, das damals preußisch ist, sondern Weimar, Geburtsort der Republik. Die Umstände sind chaotisch. Drei Regierungen sind in der kurzen Zeit, in der das Land besteht, im Dauerstreit verschlissen worden. Die dritte, ein rot-rotes Experiment aus SPD und KPD, wurde durch die Regierung in Berlin mit brachialer Gewalt beendet: Die Reichswehr marschierte ein.

Zumindest scheint die erste deutsche Republik damals ihre erste große Krise hinter sich zu bringen. In München ist der Putsch von Adolf Hitler gescheitert, die NSDAP ist verboten. Die Verhandlungen mit Frankreich und Belgien über einen Abzug ihrer Truppen aus dem Ruhrgebiet laufen. Und dank der neuen Rentenmark mildert sich die Hyperinflation.

In Thüringen herrscht im Winter 1924 Landtagswahlkampf. Die SPD-Reste der Regierung sind geschäftsführend im Amt, die KPD-Minister befinden sich auf der Flucht. Die bürgerlichen Parteien wie DVP, DDP und der Landbund haben sich im "Thüringer Ordnungsbund" zusammengeschlossen. Ihre Parole lautet: "Links abwählen". Der Bund gewinnt die Wahlen, wenn auch nicht mit absoluter Mehrheit. 48 Prozent vereint er auf sich, während SPD und KPD gemeinsam auf 41,5 Prozent kommen. Die Konservativen bedürfen also der Stimmen des Völkisch-Sozialen Blocks, einer Art Deckorganisation der illegalen NSDAP, die neun Prozent erhält.

Der Nazi-Block erklärt sich bereit, eine Regierung des Ordnungsbundes zu tolerieren. Aber er stellt Bedingungen. Sein Anführer ist Artur Dinter, er hat das hunderttausendfach verkaufte Buch Die Sünde wider das Blut geschrieben, in dem er die Juden ein "antisemitisches Bastardvolk verhängnisvoller Blutmischung" nennt. Er fordert, dass die neue Thüringer Regierung "nur aus deutschblütigen, nichtmarxistischen Männern besteht". Man einigt sich. Am 21. Februar wird mit den Stimmen des Ordnungsbundes und der Völkischen das Kabinett unter DVP-Mann Richard Leutheußer gewählt. Damit bricht erstmals in Deutschland das Tabu: Eine bürgerliche Regierung wird von Völkischen und Nazis toleriert.