Europa zerbricht sich den Kopf darüber, warum Ostdeutschland nach rechts rückt, Ungarn einen Autokraten wählt, Polen auf Abschottung setzt, obwohl dort jahrzehntelang durchgespielt wurde, was Diktatur und Unfreiheit bedeuten. Soziologen analysieren, fordern Gesprächsbereitschaft, Verständnis und finden doch keine Antwort: Woher kommt die Demokratiemüdigkeit? Derweil veröffentlicht eine junge Polin eine schmalen Roman, der mehr Wahrheit und mehr Verständnis für die sogenannten Abgehängten aufbringt, als es ganze Sonderforschungsbereiche vermögen.

Andere Leute heißt das neueste Buch der Schriftstellerin Dorota Masłowskas. Das 160 Seiten knappe Werk taucht ein in die Sprache jener Menschen, die sich außerhalb der Bildungselite bewegen; die Plattenbauten am Warschauer Stadtrand bewohnen oder, umgekehrt, in Glaspalästen schnöden Träumen hinterherjagen, die das Glück nicht vermehren. Die Wünsche und den Zorn dieser "anderen Leute" schreibt kein Feuilleton auf, dabei prägen sie Europas Zukunft mehr als die Direktiven und Kompromisse eines EU-Gipfels.

Masłowska, 1983 geboren, hat im Grunde keinen Roman geschrieben, sondern ein langes Rap-Gedicht verfasst. Die Sprache schöpft, wie schon in ihrem gefeierten Debüt Schneeweiß und Russenrot von 2003, aus dem Wortschatz der Straße, als hätte die Autorin monatelang U-Bahnhöfe, Beautysalons, Kaufhäuser und Eckkneipen belauscht, um den Duktus des Alltags poetisch festzuhalten. Kamil heißt einer der Protagonisten, der in einer Warschauer Platte wohnt und von einer Karriere als Rapper träumt. Solange der YouTube-Erfolg auf sich warten lässt, schlägt er sich als Klempner durch und übt sich in einer osteuropäischen Kunst, die man in Polen cwaniactwo, also Schlitzohrigkeit nennt. Kamil ist zugleich der Liebhaber von Iwona, die zu den Gutgestellten gehört. Die Frau hat eine teure Wohnung, schicke Kleidung und einen wohlhabenden Mann, der sich allein für sein Auto, sein Bankkonto und seine Geliebte interessiert. Trennen will sie sich trotzdem nicht. "Denn was die Bank verbindet, das löst der Mensch so leicht nicht auf."

Die beiden Protagonisten leiden an zwei Seiten des gleichen Problems: hier das Prekariat unter ökonomischem Druck, dort die Oberschicht mit ihren Erschöpfungserscheinungen. Gemeinsam ist ihnen die Enttäuschung und das nagende Gefühl, sich mehr erhofft zu haben; es entlädt sich in diffusem Hass: gegen Ukrainer, Obdachlose, Geflüchtete, die Bildungselite, die Mitmenschen. Die Ressentiments beschreibt Masłowska in spöttisch verdichteten Sprachkaskaden. Das klingt dann in der grandiosen Übersetzung von Olaf Kühl ungefähr so: "Ab im Auto. Zur Arbeit, zur Schule. Zur Woche des Adels im Supermarkt. Treibjagd auf Fasane in der Tiefkühltruhe, Gefrorenes schnappen. Im Angebot sind auch Adelswappen." Verschnaufpausen gibt es in diesem konsumgeilen, smogverseuchten Warschau kaum. Nur manchmal leuchtet der große Mond über der Stadt wie ein Hoffnungsschimmer. "Nein, falscher Titel", grätscht die Erzählerin dazwischen. "Es ist das Logo von Lidl."

Dorota Masłowska: Andere Leute. Roman; a. d. Poln. v. Olaf Kühl; Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2019; 160 S., 18,– €, als E-Book 14,99 €