Wer heute einen Fuß in das Todeslager Auschwitz-Birkenau setzt, den weht nach wie vor der kalte Hauch millionenfach durchlittener Tode an. Die Dämonie dieser irdischen Hölle kettet Täter und Opfer, aber auch ihre Erben, für immer und ewig aneinander.

Als Chiffre glauben wir Deutschen, Auschwitz begriffen zu haben. Wir wissen auch: Hinsichtlich seiner mörderischen Systematik und ausgeklügelten Logistik kannte der Holocaust bisher weder vergleichbare Vorläufer noch Nachahmer.

Doch den Ort tatsächlich zu besuchen ist etwas völlig anderes. Man ist ein anderer, nachdem man, ausgestattet mit dem Privileg, dort nur als Geschichtstourist verweilen zu dürfen, den Passionsweg zur Rampe ging und das Lagertor mit der zynischen Aufschrift "Arbeit macht frei" durchschritt; weiter bis zur Todeswand zwischen Block 10 und Block 11, wo Tausende von Todesurteilen vollstreckt wurden.

Vierzehn Jahre nach ihrem Amtsantritt reiste Angela Merkel vergangene Woche im Beisein von Polens Premier Mateusz Morawiecki nach Auschwitz. Wahre Größe beweist der, der sich aufrichtig vor den Opfern verneigt. Willy Brandts berühmter Kniefall vor dem Ehrenmal für die Warschauer Ghettokämpfer setzte 1970 Maßstäbe. Wenn ein solches Verbeugen in völkischen Kreisen immer öfter als Verbiegen gedeutet wird, dann würdigen diese Geschichtsklitterer die Opfer ein weiteres Mal herab. Merkels Auftritt in Auschwitz setzt ein Fanal genau dagegen.

Sie macht einmal mehr klar: Das Eintreten gegen Antisemitismus, Rassismus und Hetze ist ein staatliches Handlungsprinzip dieses Landes. Vor ihr bekräftigten das schon ihre Vorgänger Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Schmidt war einst Wehrmachtsangehöriger, das Nachkriegskind Kohl nahm die Gnade der späten Geburt für sich in Anspruch. Angela Merkel wuchs in der DDR auf, dem deutschen Teilstaat, der sich über einen antifaschistischen Gründungsmythos definierte.

Jeder musste seinen eigenen Weg im Umgang mit dem Grauen finden. Ebenso wie die drei Päpste, die den "Vorraum zur Hölle" besuchten: der Pole Johannes Paul II., der Deutsche Benedikt XVI. und schließlich der Argentinier Franziskus, aus einem Land kommend, in dem viele Naziverbrecher nach dem Krieg mithilfe des Vatikans untertauchten. Auschwitz bleibt eine deutsche Liegenschaft in Polen für alle Zeit.

Angela Merkel gab bekannt, dass Bund und Länder den Erhalt der Gedenkstätte mit bis zu 60 Millionen Euro unterstützen werden. Mindestens genauso wichtig war der erneute Appell an die deutsche Verantwortung: "Auschwitz war ein deutsches, von Deutschen betriebenes Vernichtungslager." Diese Verantwortung der Deutschen werde niemals enden. "Sie ist nicht verhandelbar. Sie ist fester Teil unserer Identität."