DIE ZEIT: Herr Schwarz, Herr Zubrod, auf Konten bei deutschen Banken liegt Geld, das von den Eigentümern seit Jahrzehnten nicht angefasst wurde. Sie wollen diese Vermögen beschlagnahmen.

Andreas Zubrod: Wir wollen nichts beschlagnahmen, auch nicht in das Recht auf Eigentum eingreifen. Bei unserem Vorschlag geht es um sogenannte nachrichtenlose Konten, deren Eigentümer möglicherweise verstorben sind. Oft wissen die Erben nichts von der Existenz dieser Konten. Deshalb wollen wir zunächst ein Register anlegen, damit Erben solche Konten einfacher finden. Falls sich niemand meldet, wollen wir, dass diese Vermögen in einen von der KfW-Bank gemanagten Fonds einbezahlt werden. Mit diesem Fonds soll in Sozialunternehmen investiert werden. Er soll aber über genügend liquide Mittel verfügen, sodass es jederzeit möglich ist, das Geld an die tatsächlich Berechtigten auszuzahlen, falls diese sich melden.

ZEIT: Wie viel Geld liegt auf nachrichtenlosen Konten in Deutschland?

Antonis Schwarz: Das Finanzministerium von Nordrhein-Westfalen hat das einmal schätzen lassen und kam zu dem Ergebnis, dass es bundesweit rund zwei Milliarden Euro sind. Wir schätzen diesen Betrag auf bis zu neun Milliarden Euro.

ZEIT: Wobei die Bundesregierung im Jahr 2017 auf eine Anfrage der Grünen sagte, sie halte selbst die geschätzten zwei Milliarden für zu hoch ...

Zubrod: Die Bundesregierung sagt aber auch, dass sie dazu keine Zahlen habe und auch nicht in der Lage sei, das zu schätzen. Wir haben Vergleichszahlen aus anderen Ländern. In Großbritannien gibt es beispielsweise so ein Modell schon. Dort gab es Ende 2018 2,8 Milliarden Dollar an nachrichtenlosem Vermögen. Das ist ein Anteil von 0,0917 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Wenn Sie das auf das deutsche BIP übertragen, sind das währungskonvertiert 3,2 Milliarden Euro. Wobei in Großbritannien nicht alle Banken mitmachen, weil es freiwillig ist. Zudem haben die Deutschen mehr Sparguthaben. Wenn wir Aktien-Depots miteinbeziehen, dann kommen wir auf insgesamt neun Milliarden für Deutschland.

ZEIT: Bislang fallen derartige Guthaben nach 30 Jahren den Banken zu. Die Berechtigten oder deren Erben haben aber weiterhin Anspruch auf das Vermögen. Was ist so schlecht an dieser Regelung?

Zubrod: Zum einen gibt es heute kein Register, was die Suche nach Vermögen für die Erben schwer macht. Zudem müssen die Banken das Guthaben anlegen und parken es deshalb meist bei der Europäischen Zentralbank. Der Zins darauf ist aber heute negativ, das heißt, die Banken machen damit Verluste. Es wäre ihnen geholfen, wenn man dieses Geld produktiv in sozialen Unternehmen anlegen würde. Hinzu kommt: Wir wollen, dass die Finanzindustrie nachhaltiger wird. Und da wäre ein Fonds, der dieses Geld in Sozialunternehmen investiert, ein Schritt nach vorne.