Im Badezimmer und in der Küche, im Schlafzimmer und im Keller und im Wohnzimmer sowieso: Es gibt viele Möglichkeiten, zu Hause Musik zu hören, Podcasts, Hörbücher, Radio-Streams. Doch überraschenderweise werden nur wenige genutzt. Im Grunde hat sich nicht so viel geändert seit den Zeiten des Ghettoblasters.

Ghettoblaster? Erinnert sich noch jemand an diesen überdimensionalen Kassettenrekorder (bitte einmal googeln, was Kassetten sind, liebe Unter-Dreißigjährige)? Er hatte seinen kulturellen Ursprung in den schwarzen Stadtteilen in den USA, brachte dort die Straße zum Vibrieren (blast gleich "sprengen") und musste lässig auf einer Schulter durch die Gegend getragen werden, wenn es stilecht sein sollte. Recht schnell fand das Gerät dann weltweit seine eigentliche Bestimmung: Es wurde zur mobilen Musikanlage für zu Hause und machte nur noch ab und an Ausflüge. Vor allem für Jugendliche wurde damit ein Traum wahr: Endlich konnten sie ihre Musik von Zimmer zu Zimmer tragen und jedem Familienmitglied ihren Musikgeschmack demonstrieren.

Die neue Generation Ghettoblaster ist meist nicht ganz so dezibelstark, hat aber auch nur die Größe einer Coladose; sie bekommt ihre Musik vom Smartphone per Bluetooth zugespielt, und was früher der Party-Mix war, heißt heute Playlist.

Was die Fähigkeit angeht, Musik in der ganzen Wohnung abzuspielen, ist man jedoch nicht viel weiter als die Generation Kassettenrekorder. Man kann die neuen Bluetoothgeräte zwar selbst auf längeren Strecken ohne körperliche Beschwerden tragen und sie in der Wohnung in jeden Raum platzieren.

Allerdings bleibt es oft ein Solokonzert: Will jemand anderes ran, ist das meist mühsam. Das Smartphone des einen muss seine Bluetooth-Verbindung zur Box trennen, das des zweiten muss mit ihr verbunden werden. Sein Handy zücken und mal eben loslegen? Geht eher nicht. Dann lässt man es lieber sein. Zumal der Sound aus diesen Boxen auch schnell scheppert, wenn es ein bisschen lauter sein soll.

Die allerneuesten Exemplare der Musikbox aber sind komfortabler, fast schon elegant. Sonos hat so ein Gerät (Move) seit ein paar Monaten im Sortiment, Boses neuer Portable Home Speaker trägt das Programm sogar im Namen. Beide haben eine Basis, auf der sie stehen und die sie per Akku mit Strom versorgt. Von der muss man sie einfach nur abziehen, um sie ins Badezimmer, in die Küche oder ins Wohnzimmer zu tragen. Will jemand anderes Musik abspielen, zückt er nur sein iPhone und kann sofort loslegen.

Es geht sogar noch einfacher: Man sagt einfach, was man möchte. Denn beide Geräte haben die Sprachassistenten von Google und Amazon integriert. Dazu klingen sie so satt und laut, dass man sich fragt, was man denn von nun an mit der alten Stereoanlage machen soll, die noch in der Ecke des Wohnzimmers steht.

Den vollständigen Komfort kann allerdings nur genießen, wer ein iPhone oder iPad besitzt. Denn nur darüber kann man Airplay nutzen, Apples Übertragungstechnik, die es so unglaublich einfach macht, seine Inhalte vom Smartphone auf Boxen oder Anlagen zu streamen.

Die Leichtigkeit hat allerdings auch ihren Preis: Als Vater oder Mutter wird man mit Hip-Hoppern beschallt wie Strassenbande 187, Drake oder Capital Bra. Das kann eine harte Belastungsprobe für den Familienfrieden sein, zumal die Kinder oft ein eigenes Verständnis von "leise" und "laut" haben. Aber man kann das auch positiv sehen, schließlich lässt der Nachwuchs die gute Tradition, Sprechgesang möglichst laut zu hören, wieder aufleben. Denn ohne Frage hatte der Urahn Ghettoblaster großen Anteil an der Entwicklung des Hip-Hop, der wohl wirkungsmächtigsten Musikinnovation der vergangenen vier Jahrzehnte.

Auch mit dem Move und der Portable Home Box ist es möglich, es draußen krachen zu lassen: Beide sind auf Knopfdruck empfänglich für ein Smartphone, selbst wenn es kein WLAN-Netzwerk gibt. Und sie sind sogar dann noch betriebsbereit, wenn es regnet. Das unterscheidet sie vom Ghettoblaster und ist nicht zu unterschätzen angesichts des Jugendtrends, lieber im Park oder an der Straßenecke abzuhängen, als auf eine Party zu gehen.

Tatsächlich kann man beide Lautsprecher als die wahren Erben des Ghettoblasters bezeichnen. Das Sonos-Gerät allerdings noch etwas mehr als die Bose-Box: Satte drei Kilogramm bringt der Move auf die Waage (die Bose-Box wiegt nur ein Kilogramm) – ist damit aber immerhin acht Kilogramm leichter als der JVC M-90 von 1981, der auch "King of Boomboxes" genannt wurde. Ein neuer König hat die Welt erblickt.