DIE ZEIT: Frau Bundeskanzlerin, haben Sie Ihre Sachen im Kanzleramt schon gepackt?

Brigitte Bierlein: Nein, ich habe noch nicht gepackt. Aber ich bin damit sehr rasch fertig, sobald es so weit ist. Es hat sich in der kurzen Zeit noch nicht so viel angesammelt.

ZEIT: Die Regierungsverhandlungen verlaufen zäher als von manchen erhofft. Rechnen Sie damit, dass Sie noch über Weihnachten Kanzlerin bleiben?

Bierlein: Also wir stehen zur Verfügung, wenn es noch so lange dauern sollte. Wir werden mit bestem Wissen und Gewissen bis zur letzten Minute unseren Aufgaben nachkommen.

ZEIT: Wie lange glauben Sie, dass Sie realistischerweise noch Kanzlerin bleiben müssen?

Bierlein: Ursprünglich haben wir gedacht, dass es bis Weihnachten dauert. Derzeit wissen wir noch nicht, wie lange wir bleiben müssen oder dürfen. Wir hoffen, dass eine Regierung zustande kommt. Was es dafür an Zeit braucht, das braucht es.

ZEIT: Angenommen, Sie erhalten das Angebot, unabhängige Justizministerin im Kabinett Kurz-Kogler zu werden. Würden Sie Ja sagen, um eine Brücke des Vertrauens in die Justiz zwischen zwei sehr gegensätzliche Parteien, wie es Türkis und Grün sind, zu schlagen?

Bierlein: Das wäre ein sehr ehrendes Angebot. Es hätte mich, bevor ich diese Funktion übernehmen durfte, interessiert, aber ich strebe keine politischen Ämter mehr an.

ZEIT: Haben Sie es je bereut, dass Sie sich Ende Mai von Bundespräsident Van der Bellen überreden ließen, das Amt der Kanzlerin zu übernehmen?

Bierlein: Nein, keine Sekunde.

ZEIT: Aber Sie haben ursprünglich Nein gesagt.

Bierlein: Ich habe gesagt, "Ich kann das nicht". Das ist richtig.

ZEIT: Inzwischen wissen Sie, dass Sie es auch in den Augen der Mehrheit der Österreicher können ...

Bierlein: ... ob ich es wirklich kann, weiß ich nicht. Aber ich habe dann relativ schnell zu einem Ja gefunden, weil ich gedacht habe: Wenn man als Frau vom Bundespräsidenten gefragt wird, diese Aufgabe zu übernehmen, und die Chance bekommt, dass eine Frau in diese Spitzenfunktion treten kann, und dies wahrscheinlich nicht sehr häufig vorkommt, dann sollte man aus Sicht der Sache der Frauen nicht Nein sagen. Das war meine Motivationslage. Dem Bundespräsidenten und mir war dann auch sehr wichtig, dass wir in der Regierung gendermäßig halbe-halbe besetzt sind. Was ich vorher nicht wissen konnte, ist auch, dass es in der Regierung insgesamt atmosphärisch sehr gut läuft – auch weil niemand eine parteipolitische Agenda hat.

ZEIT: Heute würden Sie sofort Ja zum Bundespräsidenten sagen?

Bierlein: Heute würde ich sofort Ja sagen.

ZEIT: Rückblickend gesehen, war ihr anfängliches Nein eine Fehleinschätzung?

Bierlein: Jein, als Juristin wusste ich theoretisch, was in meinem Bereich auf mich zukommt, praktisch wusste ich es nicht.

ZEIT: Wie sehr hat auch Sie erstaunt, dass Ihnen beispielsweise bei der Viennale-Eröffnung die Leute zugejubelt haben? Wie erklären Sie sich diese ungeheure Popularität?

Bierlein: Das hat auch mich erfreut erstaunt. Das liegt wohl auch daran, dass wir nach den Aufregungen Ruhe und Gelassenheit ins Land gebracht und unaufgeregt das gemacht haben, was notwendig ist. Das gelang und gelingt glaube ich gut.

ZEIT: Es gibt nicht wenige, die sagen, diese Regierung soll einfach bleiben.

Bierlein: Ich glaube, es sollte wieder eine Regierung geben, die über eine gesicherte Mehrheit im Parlament verfügt und daher auch ein Budget vorlegen sowie Gesetze einbringen kann.

ZEIT: Wie lange kann sich ein Land eine Übergangsregierung leisten, die sich nur dem Verwalten, aber nicht dem Gestalten verpflichtet fühlt?

Bierlein: Wenn man sich andere Länder anschaut, dann dauert das oft sehr lange. Ich glaube dennoch, dass es für Österreich eine beschränkte Zeit sein sollte. Auch vor dem Hintergrund, dass wir bewusst bestimmte Personalentscheidungen nicht fällen, um die nächste Regierung nicht zu präjudizieren.