Wenn man verstehen will, was beim Klimaschutz schiefläuft, dann muss man sich mit der Zwiebel befassen. Die Zwiebel wächst fast überall. Allein in der Europäischen Union werden in jedem Jahr mehr als 6,7 Millionen Tonnen Zwiebeln angebaut. Das ist mehr, als die Europäer verbrauchen. Trotzdem liegen in deutschen, spanischen oder österreichischen Supermarktregalen immer wieder Zwiebeln, die eine Weltreise hinter sich haben. Sie kommen aus Australien oder Neuseeland, und beim Transport nach Europa wurde jede Menge Kohlendioxid freigesetzt.

Am Beispiel der Zwiebel lässt sich ein Problem schildern, das von entscheidender Bedeutung im Kampf gegen den Klimawandel werden könnte. Diese Woche hat die neue Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen ihren sogenannten Green New Deal vorgestellt. Es ist das wichtigste Projekt der Brüsseler Behörde, für von der Leyen hat es oberste Priorität. Bis zum Jahr 2050 soll demnach in der EU per Saldo kein CO₂ mehr ausgestoßen werden. Wer Kohlendioxid in die Luft bläst, der soll deshalb dafür bezahlen müssen – und zwar mehr, als es bislang im Klimapaket der Bundesregierung vorgesehen ist.

Das Problem dabei: Die Zahl der Nachahmer hält sich in Grenzen. Vor allem in den Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas ist die Bereitschaft gering, den Energieverbrauch zu verteuern. Deshalb lässt von der Leyen eine Maßnahme ausarbeiten, die dafür sorgen soll, dass die europäischen Unternehmen die ambitionierte Agenda auch überleben – und die der EU zugleich zu weltpolitischer Geltung verhelfen könnte: eine sogenannte Grenzausgleichsabgabe. Einfacher ausgedrückt: ein Klimazoll.

Der Ökonom Gabriel Felbermayr vom Kieler Institut für Weltwirtschaft hat die Logik einer solchen Abgabe am Beispiel der Zwiebel verdeutlicht. Ein Kilo des Gemüses kostet in der Herstellung in Deutschland etwa 30 Cent, in Neuseeland sind es 20 Cent. Neuseeländische Zwiebeln könnten in Europa überhaupt nur zu konkurrenzfähigen Preisen angeboten werden, weil die Kohlendioxidemissionen auf dem Transportweg von Europa nicht mit Abgaben belegt werden. Denn wenn die EU etwa eine CO₂-Steuer einführen würde, dann würden davon im Ausland hergestellte Waren nicht erfasst werden.

Wer seine Waren in die EU liefern will, müsste den Kohlenstoffgehalt versteuern

Das könnte für die europäische Wirtschaft zu einer ernsten Gefahr werden. Denn aus der Sicht der Unternehmen steigt somit der Anreiz, Waren im Ausland herstellen zu lassen, wo Energie günstig ist. Das gilt nicht nur für Zwiebeln, sondern auch für Stahl, Zement, Aluminium, Fahrzeugteile – also für die gesamte Palette der industriellen Produktion. Schlimmstenfalls gehen in Europa Arbeitsplätze verloren, und das Kohlendioxid gelangt nun eben von Indien oder Brasilien aus in die Atmosphäre.

Carbon leakage nennen die Experten das Problem, Kohlenstoffleck. Die Einführung strenger Emissionsrichtlinien in einem Land führt dazu, dass die Produktion verlagert und schlicht in anderen Ländern mehr emittiert wird. Im Moment ist das Fachleuten zufolge noch kein allzu großes Problem. Im Schnitt müssen europäische Industrieunternehmen nach Berechnungen von Felbermayr derzeit etwa 25 Euro je Tonne CO₂ bezahlen, und für Aluminiumschmelzen, Stahlhütten und andere energieintensive Betriebe gibt es Sonderregelungen.

Das könnte sich aber bald ändern. Felbermayr geht davon aus, dass sich der Kohlenstoffpreis in etwa verfünffachen muss, damit von der Leyen ihre Klimaziele erreichen kann. Denn in einem solchen Szenario würde sich für die Unternehmen die Umstellung auf eine klimafreundliche Produktion rechnen. Beispiel Stahl: Allein die Salzgitter AG bläst derzeit im Jahr etwa acht Millionen Tonnen CO₂ in die Atmosphäre. Das entspricht einem Prozent der gesamten deutschen Kohlendioxidemissionen. Nach Auskunft des Unternehmens wäre es technisch möglich, die Klimabelastung zu reduzieren. Es sei aber wirtschaftlich nicht rentabel, wenn die Konkurrenz aus Asien den Markt mit günstigem, konventionell hergestelltem Stahl überschwemmt.

Der Klimazoll soll vor einem solchen Ökodumping schützen. Die Idee: Wenn ein ausländisches Unternehmen seine Waren nach Europa liefern will, dann muss es an der europäischen Außengrenze eine Abgabe entrichten, die sich am Kohlendioxidgehalt des Importprodukts orientiert. Dadurch würde sichergestellt, dass ausländische Unternehmen genauso viel für den Klimaschutz bezahlen müssen wie die inländische Konkurrenz.

Die Abgabe hätte aus einer klimapolitischen Perspektive noch einen weiteren Vorteil: Die EU würde anderen Ländern ihre strengen Klimastandards aufzwingen. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 20 Billionen US-Dollar ist der europäische Binnenmarkt der größte Wirtschaftsraum der Welt, sogar noch vor den USA. Nur wenige international tätige Großunternehmen werden es sich leisten können, ihre Geschäftsbeziehungen zu europäischen Kunden einzustellen. Und wenn diesen Unternehmen bei Lieferungen in die EU ein Klimazoll droht, werden sie möglicherweise ebenfalls auf klimafreundliche Produktionsverfahren umsteigen. Der Kontinent würde seine wirtschaftliche Macht einsetzen, um seine Interessen international durchzusetzen. Das passt zu dem geopolitischen Anspruch der neuen Kommission, den Ursula von der Leyen formuliert hat.