Die SPD-Tragödie beobachtete auch ich in der Glotze: Kopfschüttelnd starrte ich auf den romantischen Selbstmordversuch einer Partei aus rationaler Todesangst vor den nächsten Wahlen.

Nach dem jüngsten Parteitag dieser ältesten Partei Deutschlands entbrannte ein anachronistischer Religionsdisput um das Absingen des womöglich wirkungsmächtigsten Lieds der Arbeiterbewegung: der Internationale.

Auf Twitter protestierten offenbar gelernte DDR-Untertanen: Wer im Osten aufgewachsen sei, dem laufe es "bei diesem Lied eiskalt den Rücken runter". Es sei die Hymne "von Verbrechern und Massenmördern". Reaktionäres Liedgut aus der "Mottenkiste"!

Gemach, ihr tapferen digitalen Hinterher-Helden! Denn "in echt" reaktionär wäre eine Ächtung dieses Liedes. Und schlimmer noch: Es wäre dumm dazu. Das populäre Lied stammt aus den Anfängen der europäischen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert. Eine geschichtsvergessene Dummheit wäre es, wenn ausgerechnet Sozialdemokraten ihre Internationale, statt sie zu singen, nun schlechtredeten, nur weil Ulbricht und Honecker dieses Lied mit verlogenem Pathos plärrten, obwohl jedes zweite Wort in diesem Lied, als Losung an eine Häuserwand in Halle oder Ost-Berlin geschrieben, drei Jahre Knast in Bautzen wert waren:

Heer der Sklaven, wache auf!

... erkämpft das Menschenrecht!

... duldet die Schmach nun länger nicht!

Nicht nur Menschen werden leider gelegentlich missbraucht, sondern auch Lieder. Mir jedenfalls ist die Arbeiterhymne doppelt lieb, aus sentimentalen wie aus rationalen Gründen. L’Internationale von Eugène Pottier aus dem Jahre 1871 mit der Melodie des Belgiers Pierre Degeyter kannte ich schon als kleiner Junge, weil meine tapfere Mutter Emma es mir oft genug in Deutschlands finstersten Zeiten eingefüttert hat. Sie sang es leise genug, es war ja in der Nazi-Diktatur. So lernte ich den ganzen Text, bevor ich ihn verstehen konnte. Und das versteht sich, sie sang mir das Lied aus Frankreich in klarem Deutsch:

Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!

Und auch das berührte mein Herz: Die Widerstandskämpfer Lew Kopelew, Mischka Slavudskaja und Jewgenija Ginsburg in Moskau waren gelernte Gulag-Häftlinge. Sie erzählten mir 1973 in Moskau von ihren Kameraden in Sibirien, die das europäische Arbeiterlied, auf Russisch und mit Todesverachtung, gegen ihre uniformierten Peiniger ansangen. Zitternd vor Kälte, eingepfercht hinter Stacheldraht, im ewigen Eis. Die Rebellen brüllten und röchelten es als ein Freiheitslied vor den entsicherten Kalaschnikows der Stalin-Schergen.

Das sind halt meine Herzens-Gründe pour L’Internationale. Mein rationales Argument aber ist:

© Caro/​Ponizak/​Fotofinder

In der altmodisch pathetischen Hymne leuchtet im Aschehaufen immer noch der humanistische Glutkern der Revolution – die Hoffnung auf Freiheit, auf Gerechtigkeit und Humanität. Es steckt in der Internationale die immer wieder auch zerstörbare Hoffnung auf die "Victoire de la condition humaine". Die Menschenrechte gehören seit 1948 zum Grundgesetz der Völkerfamilie: der UN Declaration of Human Rights.

Besonders gefällt mir diese Strophe aus der Internationalen:

Es rettet uns kein höh’res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!

Würden wir das Wort "Kaiser" durch "Führer" ersetzen, oder durch "Zar Putin" oder "Präsident Trump", und etwa das römische Wort "Tribun" durch "Tycoon", so bliebe doch die ewige Grundwahrheit, dass wir Menschen uns immer wieder nur selber helfen und befreien können.

Und das war der Weisheit letzter Schluss auch des Philosophen Immanuel Kant im Kaff Königsberg: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit." Aber das wäre wieder ein weites Feld: Ist diese Unmündigkeit der SPD-Verweser selbstverschuldet?