Es ist 16 Jahre her, dass Annie Ernaux’ Porträt ihrer verstorbenen Mutter unter dem Titel Das Leben einer Frau erstmals in Deutschland erschien, und damals interessierte sich dafür kaum jemand. Inzwischen aber wurde Ernaux mit Die Jahre auch hierzulande berühmt, sie gilt als eine der wichtigsten französischen Schriftstellerinnen überhaupt. Folgerichtig wurden in diesem Jahr gleich zwei ihrer Bücher von Sonja Finck neu übersetzt (und zwar besser, knapper, genauer), zwei Bücher, die unbedingt zusammengehören, weil es sich bei ihnen jeweils um eine Art Requiem handelt. Eines ist auf den Vater, das andere auf die Mutter geschrieben, in beiden Büchern versucht die Verfasserin, die "Worte, Gesten, Vorlieben" dieser beiden Menschen zusammenzutragen, um der Wahrheit ihrer Existenz möglichst nahe zu kommen.

Im Frühjahr erschien also zunächst Der Platz (1986 erstmalig unter dem Titel Das bessere Leben veröffentlicht) und ein halbes Jahr später auch das Mutter-Buch, das nun glücklicherweise nur noch Eine Frau heißt. Darin beschreibt die 1940 geborene Ernaux das Leben ihrer Mutter, die als Tochter eines Fuhrmanns und einer Weberin in "einfache" Verhältnisse geboren wird. Sie ist das vierte von sechs Kindern, es gibt überhaupt nichts, und was es gibt, muss geteilt werden, und als das Mädchen zwölf Jahre alt ist, ist die Schule vorbei. Danach Arbeit in einer Seilerei und Stolz darüber, "zivilisierter" zu sein "als die Mädchen vom Land, die immer noch wie Wilde hinter den Kühen herliefen".

Die junge Frau, die Ernaux hier in kurzen, klaren Sätzen beschreibt, ohne je zu analysieren, zu werten oder irgendwelche Metaebenen aufzumachen – diese junge Frau hat die feste Absicht, über ihr Herkunftsmilieu hinauszuwachsen, und dabei ist das Ziel ihres Aufstiegswunsches der Besitz eines Lebensmittelladens. Sie will keine Arbeiterin mehr sein, und es gelingt ihr, gemeinsam mit ihrem wortkargen, ebenfalls hart arbeitenden Mann. Aber damit ist der Traum der Protagonistin noch lange nicht fertig, zur Vollendung bringen kann ihn nur die Tochter, die zur Schule gehen und studieren soll und der insbesondere die Mutter alles zu ermöglichen versucht, selbstverständlich nicht ohne ihr genau das zum Vorwurf zu machen. Dazu schreibt Ernaux: "Ich versuche, die Wut, die überschwängliche Liebe und die Vorwürfe meiner Mutter nicht nur als individuelle Charakterzüge zu betrachten, sondern sie in ihrer Lebensgeschichte und ihrer gesellschaftlichen Stellung zu verorten."

Dieses Zitat berührt einen wichtigen Aspekt von Ernaux’ Schreibhaltung, der auch den nüchternen, reduzierten Stil erklärt, durch den sie sich von ihrer Geschichte distanziert. Denn es geht hier nur vordergründig um Ernaux und ihre Mutter, tatsächlich sind sie bloß Transportmittel für das Überpersönliche an dieser Konstellation, also den Klassenunterschied und seine unerbittlichen Grenzziehungen (nicht wissen, was gemeint ist, wenn auf einer Einladung "Abendgarderobe" gewünscht wird; sich die Hände waschen wollen, bevor man Bücher anfasst).

Immer wieder reflektiert die Autorin während des Schreibens auf absolut nicht nervige, sondern interessante Weise ihr Schreiben und liefert so gewissermaßen eine Poetik gleich mit: Um ein Leben wiederzugeben, das der Notwendigkeit unterworfen gewesen sei, dürfe sie nicht zu den Mitteln der Kunst greifen, dürfe sie nicht "spannend" oder "berührend" schreiben. Sie beschreibt also nur, und diese Idee vom Einfach-nur-Beschreiben ist selbstverständlich Quatsch, weil dabei eben keine Wahrheit herauskommt, bei der ihre Erzählerin ihre Beteiligung herausstreichen könnte, sondern ein literarischer Effekt, der in seiner Nüchternheit die ganze Brutalität des Mangels auf den Punkt bringt und letztlich verdoppelt: die Wortkargheit, die fehlenden und die falschen Worte, die falsche Kleidung, die falsche Lektüre, das falsche Milieu. Über die Mutter heißt es: "Hin und wieder ließ sie in einem Gespräch uns ungeläufige Ausdrücke fallen, die sie irgendwo gelesen oder sich bei der ›besseren Gesellschaft‹ abgehört hatte. Zögern, sogar Erröten, weil sie Angst hatte, sie falsch zu gebrauchen, Gelächter meines Vaters, der sich über ihre ›geschwollene Sprache‹ lustig machte." Ein zentrales Mittel Ernaux’ zur Veranschaulichung der kleinbürgerlichen Mentalität ihrer Mutter ist deren Art, ihre Worte zu wählen: "nicht um den heißen Brei herumreden", "jemand sein", "eine Hausfrau, an der es ›nichts auszusetzen‹ gibt", "das gewisse Etwas haben", "Du kostest uns ganz schön viel Geld" und "Jetzt habe ich mir aber wirklich ein Päuschen verdient" und so weiter.

Man glaubt also nach der Lektüre dieses klugen, genauen Buches ein Gefühl dafür zu haben, wen und welches Milieu Ernaux beschreibt, und ist abgesehen davon als privilegierte Leserin viel damit befasst, sich der Selbstverständlichkeiten bewusst zu werden, mit denen man so den ganzen Tag umherläuft. Grundsätzlich ist das natürlich gut, aber es kann auch blöd und völlig falsch werden, nämlich dann, wenn man als Teil einer sogenannten liberalen Elite ein derart schlechtes Gewissen hat, dass man glaubt, die "liberalen Eliten" kritisieren und die "Abgehängten" (die Gelbwesten, die AfD-Wähler) verstehen zu müssen, was nicht nur etwas Ungelenkes, Selbstgefälliges hat, sondern auch Fronten bestätigt (die sind so, wir so). Annie Ernaux hat ebenfalls öffentlich Verständnis für die teilweise rassistisch und antisemitisch sich äußernden Gelbwesten ausgedrückt. Aber das ändert nichts daran, dass Der Platz und Eine Frau genial geschrieben sind und die soziale Kategorie der Klasse auch heute noch zentral ist.

Annie Ernaux: Eine Frau. A. d. Franz. v. Sonja Finck; Suhrkamp, Berlin 2019; 88 S., 18,– €, als E-Book 15,99 €