Eine Ära endet immer allein. Weswegen uns auch der Plural von Ära nicht geläufig ist ("Ären", sagt der Duden). Doch nun müssen wir die Mehrzahl lernen, denn zu Ende gehen gerade mindestens: die Ära Merkel, die Ära unangefochtener westlicher Dominanz, die Ära unverbrüchlicher transatlantischer Freundschaft sowie die Ära folgenarmer Naturzerstörung. Und alles kulminiert in der Politik.

Die wiederum versucht zunehmend, in einer Welt zu leben, die vergeht, und zugleich in einer, die kommt. Das hat Folgen: überall Paradoxien, Parallelwelten, unlösbare Rätsel. Die Groko etwa hat nun bald in gewiss sehr zähen Verhandlungen (Verzeihung: Gesprächen) folgendes Jahresendrätsel zu lösen: Es ist so winzig klein, dass es CDU-Wähler mit bloßem Auge nicht zu erkennen vermögen – und zugleich so riesengroß, dass es SPD-Wählern wie ein Politikwechsel vorkommen muss. Was ist das?

Logisch ist das nicht zu lösen, aber was soll sich eine Groko um die Logik scheren, wo sie doch schon seit zwei Jahren erfolgreich die politische Physik außer Kraft setzt, denn für die Groko gilt nicht: je stärker, desto solider, sondern umgekehrt: je schwächer, desto stabiler. Aller Mut erwächst hier aus der Angst.

Wie kann das sein? Die Groko hat eben zu Beginn ihrer dritten Wiederauflage im Angesicht des Epochenbruchs einen folgenschweren Entschluss gefasst, der freilich nicht im Koalitionsvertrag steht: Wir befassen uns nicht mit den epochalen Fragen, sondern nur mit den alltäglichen Problemen, die es ja immerhin auch noch gibt.

Die Revolution ist abgeblasen, aber man singt die "Internationale", ironisch natürlich

Doch wo die Realität in weiten Teilen entmachtet ist, da greift das Virtuelle um sich. So inszenierte die SPD ihr Weiter-so immer wieder als Neuanfang. Erst mit einem Brüsseler Schein-Visionär, dann sogar mit einer Frau, schließlich mit einem virtuellen Linksruck, der das Weiter-so in rotes Partylicht tauchte. Und gerade weil die Revolution abgeblasen ist, sangen die Genossen am Parteiabend leicht beduselt und mit gereckten Fäusten die Internationale – ironisch, versteht sich. In solchen Momenten muss man sie einfach lieben, die SPD, exakt so hatte man sich den Niedergang einer Epoche immer vorgestellt.

Wer ohne Orientierung an die Basis geht, kommt offenbar mit noch weniger wieder raus. Und mit noch weniger Legitimation. Auch das gehört zu den Paradoxien unserer Tage: Je mehr Parteimitglieder an der Vorsitzenden-Findung beteiligt werden, desto schwächer steht dieses Gremium dann da; je plebiszitärer die Entscheidung – desto dürftiger die Legitimation.

Obwohl das alles nicht unbedingt nach einem Erfolgsrezept aussieht, hat die CDU vieles nachgemacht. Auch dort wurde mit beträchtlichem basisdemokratischem Aufwand eine neue Führung gewählt, die dann sogleich auf die unterlegene Seite zugehen musste, und zwar so, dass binnen weniger Wochen nicht mehr zu erkennen war, wer nun Sieger war und wer Verlierer.

Aber warum führt bei CDU und SPD die volle Konzentration auf die Geschlossenheit zwischen oben und unten wie zwischen links und rechts nicht zu mehr Geschlossenheit? Weil die Spaltungslinien innerhalb der Parteien mindestens so stark sind wie die zwischen ihnen. Und weil die tiefste Spaltung die ist zwischen heute und morgen, während die Politik weiter versucht, den Epochenbruch durch Nichtbearbeitung zu beschweigen. Gemeinerweise unterminieren die realen Probleme im Gegenzug die Fundamente der Parteien, was aus Angst nicht besprochen wird, macht Angst.

Gelegentlich wird eine pantomimische Behandlung epochaler Probleme probiert. Wenn etwa die Verteidigungsministerin eine Sicherheitszone in Syrien fordert, dann fragt sich der gewöhnliche Mensch nicht, ob das sinnvoll ist, sondern: mit welchen Flugzeugen, Fregatten und Maschinengewehren denn bitte schön? Geht lieber mal wieder in die Werkstatt! Oder wenn Macron die Nato für hirntot erklärt und der deutsche Außenminister daraufhin forsch die Einrichtung einer Arbeitsgruppe fordert, fragt man sich: Ist das noch Politik oder schon Schauspielerei?

Und wie soll das alles ausgehen? Kann gut sein, dass SPD und Union ihr Jahresendrätsel nicht lösen können. Dann würde die Sache in einem neuerlichen, irgendwie charmanten Paradox münden: Die Groko, die keiner wollte, endet, obwohl keiner es will.