Die Entdeckungsgeschichte folgt einer ausgeklügelten Dramaturgie. 2014 gab das Team um den Archäologen Maxime Aubert von der australischen Griffith University erstmals einen Fund bekannt, den die Kunstgeschichte nicht vorgesehen hatte: Im Süden der indonesischen Insel Sulawesi stießen die Forscher auf einen vor 40.000 Jahren mit roter Farbe an eine Höhlendecke gesprühten Umriss einer menschlichen Hand. Solche Handschablonen finden sich auch in Europa und Amerika. Sie gelten als Kreativleistungen von überschaubarem Ausmaß – als die Arbeit künstlerischer Erstklässler.

© ZEIT-Grafik

Im Herbst 2018 dann publizierten Aubert und seine Kollegen das Werk von Fortgeschrittenen: die womöglich ältesten Felsmalereien der Welt, mehr als 40.000 Jahre alt. Die auf Borneo entdeckten Wandzeichnungen stellen verschiedene Huftiere dar, darunter wohl ein Banteng, ein südostasiatisches Wildrind (ZEIT Nr. 46/18).

Und jetzt, ein Jahr später, präsentiert Aubert im Fachblatt Nature das komplexe Œuvre steinzeitlicher Meister, wieder aus Sulawesi. Die Zeichnungen in der Höhle Leang Bulu' Sipong 4 zeigen nicht nur Tiere, sondern auch menschliche Figuren. Das Besondere: Zum einen könnte es sich um Mischwesen handeln – sie tragen Tierhäupter oder andere Körperteile von Vögeln oder Reptilien. Zum anderen sind womöglich ganze Jagdszenen dargestellt.

Am augenscheinlichsten wird das im Fall eines Anoas. Das kleinwüchsige, meist allein den Wald durchstreifende Rind kommt nur auf Sulawesi vor und ist heute vom Aussterben bedroht. Aubert ist sich sicher, dass die Szene ein Anoa zeigt, das von halb menschlichen Zweibeinern attackiert wird. Die sechs kleinen Mischwesen scheinen, bewehrt mit Speeren oder Seilen (so interpretiert Aubert die ergänzenden Striche), das Rindvieh zu töten oder einzufangen. Daneben glaubt der Archäologe flüchtende Schweine ausmachen zu können.

Spektakulär ist erneut die Datierung der Funde. 35.500 bis 43.900 Jahre alt dürften sie sein und damit Jahrtausende älter als die Werke in den berühmten Eiszeithöhlen von Lascaux (hier ein virtueller Rundgang), Chauvet oder Altamira. Stimmt das postulierte Alter, könnte dies bedeuten, dass die gegenständliche Kunst nicht etwa in Europa ihren Anfang nahm, wie jahrzehntelang von Archäologen behauptet, sondern am entgegengesetzten Ende des eurasischen Doppelkontinents.

Zu den bisher bekannten frühesten Pionierstätten der Kunst zählt El Castillo in Spanien. 40.000 Jahre alt sind die dortigen Darstellungen. Als größte altsteinzeitliche Kreativleistung gelten die rund 36.000 Jahre alten Meisterwerke in der Grotte Chauvet und die ungefähr zur selben Zeit in den Höhlen der Schwäbischen Alb entstandenen Kleinode aus dem Elfenbein von Mammutzähnen – Löwenmensch, Wasservogel, Bison, Pferd und die üppig konturierte Venus vom Hohlefels. Am ältesten könnten noch immer umstrittene Funde in Spanien sein: Vor 65.000 Jahren sollen Neandertaler in der Höhle La Pasiega ihrer Kreativität freien Lauf gelassen haben.

So sieht das Sulawesi-Pustelschwein aus … © Lee/​Griffith University
... und so wurde es vor 40.000 Jahren auf Fels verewigt (hier nachgezeichnet von Forschern). © A. Brumm/​Griffith University

Mit den neuesten Funden könnten die Höhlen in Südostasien den etablierten europäischen Pionierstätten endgültig den Rang ablaufen – sofern es allein um Altersrekorde geht. "Dies ist eine sehr wichtige Arbeit", sagt der britische Paläoanthropologe Chris Stringer vom Natural History Museum in London. "Ganz sicher beweisen die Malereien, dass die eurozentrische Kulturthese von der Entwicklung komplexer Kunst falsch sein muss." Für Nicholas Conard, Archäologe an der Universität Tübingen, ist das keine Überraschung: "Mir ist kein Grund bekannt, warum es nur im westlichen Eurasien solche Malereien geben sollte." Kunst, Symbolik, Religion, Musik respektive Modernität im Allgemeinen seien an vielen Orten entstanden. Was es in Schwaben, Spanien und Südfrankreich an kulturellen Zeugnissen gibt, sei "auch in anderen Erdteilen zu erwarten".

Um das horrende Alter der sulawesischen Wandzeichnungen zu bestimmen, wählten die Forscher eine indirekte Datierung. Sie ermittelten nicht das Alter der Farbe, sondern das der darüber- und darunterliegenden Kalkschichten. Findet sich für eine Untersuchung kein Kohlenstoff für eine sogenannte C₁₄-Analyse, dann ist die Uran-Thorium-Datierung das Mittel der Wahl. Sie basiert auf Uran-Atomen, die sich beim radioaktiven Zerfall zu Thorium umwandeln.

Der Clou daran: Das Ausgangsmaterial ist wasserlöslich – das Endprodukt aber nicht. Konkret bedeutet das: Mit dem einsickernden Wasser gelangt gelöstes Uran in die Höhle, nicht aber seine Zerfallsprodukte. Deshalb beginnt die radioaktive Uhr erst zu laufen, wenn sich frischer Kalk bildet, denn erst dann fällt Thorium an. Daher können die Forscher heute aus dem Verhältnis von Ausgangs- und Zerfallselementen auf den Beginn der Kalkbildung schließen – und jene Farbpigmente, die über dem Kalk aufliegen, müssen jünger sein als der Kalk. Was darunter liegt, älter.