Es ist in erster Linie unsere Bringschuld als Zugewanderte, uns in das Land einzufügen, das uns aufnimmt. Ohne die Neugier und Motivation, die aufnehmende Gesellschaft kennenzulernen und ihre Gesetze zu achten, können wir nicht ankommen. Andererseits muss die Gesellschaft natürlich auch Zugänge schaffen, Türen öffnen, Dialog ermöglichen. Aber wer Integration in die schlichte Gleichung "Sprache plus Arbeit minus Kriminalität" packt, der greift zu kurz. Integration ist eine reale, tiefer gehende Aufgabe, sie ist essenziell für alle im Land und "too big to fail". Ihr Gelingen setzt klaren politischen Willen voraus. An ihm mangelt es leider immer wieder. Das weiß ich aus der Arbeit mit meiner Organisation MIND Prevention, die ich mitgegründet habe. Sie bietet Extremismuspräventionskurse und Wertevermittlung an.

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Das jüngste Beispiel für mangelnde staatliche Entschlossenheit ist die Entscheidung der Richter am Bayerischen Verfassungsgerichtshof. Sie hatten eine Regelung des neuen Integrationsgesetzes als verfassungswidrig einstuft, die bestimmte Zugewanderte gezwungen hätte, sich mit Werten wie Gleichberechtigung und Pluralismus auseinanderzusetzen. Laut Artikel 13 des Gesetzes hätte der Staat solche Einwanderer zu Grundkursen über die freiheitliche Gesellschaftsordnung verpflichten dürfen, die "beharrlich zum Ausdruck bringen", dass sie diese Ordnung ablehnen. Die Richter fanden, das gehe zu weit. Es stelle einen "unzulässigen Eingriff in die Meinungsfreiheit dar", wenn Menschen wegen ihrer feindseligen Einstellung zum Grundgesetz zu einem Verfassungskurs verpflichtet werden können.

Ich hingegen fand die Idee nicht nur sinnvoll, sondern unbedingt notwendig. Wer etwa antidemokratische, antisemitische oder frauenfeindliche Einstellungen hat, der sollte diese Einstellungen hinterfragen können. Pflicht-Integrationskurse sind keine Gefährdung der Meinungsfreiheit. Sie sind vielmehr die nachgeholte Chance, die jedes Kind in Deutschland durch die Schulpflicht bekommen sollte: gedanklichen Zugang zur Verfassung zu erhalten und die Grundwerte zu begreifen, die sie tragen. Dass diese Gesellschaft einen Konsens darüber schafft, welche Haltungen sie akzeptiert und welche nicht, ist im Sinne aller, weil so der soziale Frieden bewahrt wird.

Demokratie erhält sich nicht von allein, sie braucht Demokraten, Menschen, die sie verteidigen und erneuern. Aus meiner Erfahrung in der Arbeit mit vielen jungen Menschen plädiere ich dafür, wo immer möglich das Grundgesetz zu vermitteln, in jeder Bildungseinrichtung und an alle Menschen, unabhängig von Herkunft oder Aufenthaltsstatus. Ein verpflichtender Kurs, der etwa Werte wie Gleichberechtigung und Freiheit vermittelt und mit den Mythen des Antisemitismus aufräumt, könnte nicht nur für viele Migranten eine regelrechte Rettung sein, sondern auch für Menschen ohne Einwanderungsgeschichte.

Bei meiner Arbeit höre ich, was viele junge Migranten hoffen und fürchten, und in ihren Blicken sehe ich fast immer Sehnsucht, Sehnsucht nach Freiheit und Perspektiven. Einige von ihnen sind inzwischen leidenschaftliche Fans von Demokratie und Grundgesetz. Andere wirken eingeschüchtert und misstrauisch. Sie suchen nach Orientierung zwischen Deutschland und dem Gesellschaftsmodell ihrer Heimat, gegenüber dem sie loyal sein sollen; zwischen einer offenen Gesellschaft und autoritären Strukturen.

Beeindruckt bin ich von denen, die hier voll Beharrlichkeit und Zuversicht ihr Leben neu und unabhängig planen. Ich denke etwa an Fatima (Name geändert), ein Mädchen, das mit vierzehn allein von ihrer bäuerlichen Familie in Somalia auf den Weg nach Norden geschickt worden war: "Tochter, du sollst nach Deutschland gehen und uns als Familie nachholen!" Sie kam an, sah ihre neuen Chancen – und verwarf den Auftrag. Hätten die Eltern wieder das Kommando, wäre es aus mit ihrer Freiheit. Fatima will jetzt selbst entscheiden, was sie lernt und arbeitet, mit wem und wie sie lebt. "So ist es besser", sagt die heute 17-Jährige. Sie werde später Geld schicken. "Dann kann meine Familie gut leben."

Auch viele junge Männer setzen sich intensiv und kritisch mit ihrer Herkunft auseinander. Ein junger Iraner erzählte mir unter Tränen, wie seine Lehrer ihm als Kind den Hass auf "Juden" buchstäblich einprügelten, als er nicht an einer Anti-Israel-Demo teilgenommen hatte. Er war lieber spielen gegangen. "Jetzt bin ich in Deutschland, und ich will diesen Hass nicht mehr haben", sagte er mit Nachdruck.

Doch in fast jeder Gruppe treffen wir auch auf junge Leute mit ideologischem Ballast in den Köpfen. Oft dient er zur Abwehr von Traumata und tief sitzenden Ängsten. Konflikte wollen diese Menschen mit Gewalt lösen, Religion und Tradition sind für sie nicht hinterfragbar, und der erlernte Hass auf Juden funktioniert als Sündenbock-Konstrukt.