Die Fahrt vom Stadtzentrum in Tel Aviv nach HaZor'im ganz im Norden Israels, am See Genezareth, dauert fast zwei Stunden. Sie führt durch karge Landschaften, an Nazareth vorbei, bis man ein kleines Dörfchen mit flachen Häuschen erreicht: In einem davon lebt Rachel Livny, 1922 in Dresden geboren. Sie hat es mit ihrem Mann, der inzwischen verstorben ist, gebaut. Sie steht schon in der Tür, als der Besuch aus Deutschland kommt, und freut sich.

DIE ZEIT: Frau Livny, Sie sind 97 Jahre alt, haben den größten Teil Ihres Lebens in Israel verbracht, aber Sie stammen aus Dresden. Wir haben gehört, dass Sie bis heute viele Erinnerungen an diese Stadt haben, dass Sie von ihr träumen. Ist das so?

Rachel Livny: Ja. Ich werde nie vergessen, was ich in Dresden erlebt habe. Nicht das Gute und nicht das Schlechte. Dresden war eine wunderschöne Stadt, mit der Frauenkirche, mit der Semperoper, mit diesen vielen alten Häusern. Ich denke an all das oft zurück. Aber auch an das, was mit uns später geschehen ist. Dass wir gehen mussten, weil wir Juden sind.

ZEIT: Ist Ihnen noch präsent, wie das war, als Sie Dresden verlassen mussten?

Livny: Natürlich. Es war das Jahr 1937, ich war 15 Jahre alt, und mir war die Größe der Stunde nicht bewusst: dass ich mich von meiner Familie trenne, dass wir uns nie wiedersehen werden. Wir waren Kinder, wir dachten nicht an die Folgen.

ZEIT: Sie reisten 1937 im Rahmen eines Rettungsprogrammes für jüdische Jugendliche aus Dresden aus, das vom NS-Regime damals noch toleriert wurde: Die "Kinder- und Jugend-Alijah" versuchte, Kinder und Jugendliche nach Palästina zu bringen.

Livny: Wir, die wir Dresden verließen, sahen es wie ein Abenteuer. Wir fahren allein in die weite Welt. Es hatte den Anschein von Normalität. Es kamen Bekannte zu uns nach Hause, um Abschied zu nehmen; jeder brachte ein kleines Geschenk. Meine Mutter hat mir eine Suppe gekocht, wie ich sie liebte, mit Spitzen von Spargel. Dann ging es zum Bahnhof: meine Familie, die Familien meiner Freundinnen Ursel und Rosel, die ebenfalls ausreisten. Jemand, ich weiß nicht mehr, wer, schenkte uns Aprikosen in einem Körbchen aus Karton. Der Abschied von unseren Eltern war ruhig, sehr ruhig. Wir setzten uns in den Zug und ließen sie zurück. Und ich glaube, sie waren sich sicher, dass sie das Richtige getan hatten: uns fortzuschicken.

ZEIT: Woran denken Sie heute, wenn Sie an Dresden denken?

Livny: An vieles, an Kindheit eben. Dresden war eine elegante Stadt, es war eine schöne Stadt. Wir wohnten Am See 38, direkt in der Altstadt, die Straße gibt es noch, aber die Häuser nicht mehr. Damals lebten wir im ersten Stock, wir waren vier Kinder – zwei Schwestern und zwei Brüder. Ich denke auch an das Haus meiner Großmutter.

ZEIT: Wo stand das?

Livny: Auf der Kleinen Brüdergasse. Eine ganz schmale Straße, ebenfalls in der Altstadt. Die Straße war so eng, dass die Häuser sich fast berührten. Von vorne betrachtet schien das Wohnhaus der Oma kaum Fenster zu haben. Ging man hinein, bemerkte man, dass es eine Art Lichthof gibt. Sie machte selbst Sherry.

ZEIT: Schnaps?

Livny: Ja, dieses scharfe Getränk aus Kirschen! In ihrer Küche hatte sie eine riesige Flasche, wie in einem Laboratorium im Mittelalter. Sie schickte uns Kinder, 96-prozentigen Schnaps zu kaufen, in den die Kirschen gelegt wurden. Wir aßen heimlich die Kirschen und wurden davon betrunken. Ich erinnere mich an die große Brille der Großmutter, wie aus Draht. Sie sah aus, wie man Großmütter in Märchen schildert. In ihrem Zuhause hatte die Großmutter auch ihr Lager.

ZEIT: Was lagerte sie?

Livny: Sie verkaufte Stoffe auf den Märkten. Mit großen Koffern fuhr sie nach Leipzig, nach Chemnitz, oder sie blieb in Dresden und verkaufte auf dem Striezelmarkt. Sie stellte ihren Stand auf und verkaufte, was sie zu verkaufen hatte. Tischdecken und Handtücher, und eine Ecke war Ramsch. Erst nach Jahren habe ich verstanden, was für eine Heldin sie war: Sie ernährte im Grunde unsere ganze Familie. Ich erinnere mich so genau an ihren Stand, weil ich mit meinen Freundinnen Ursel und Rosel zu ihr ging, hin auf den Striezelmarkt. Einmal kamen wir da an, die Freundinnen und ich, und ein Mann, der aufgeblasenen Zucker verkaufte ...

ZEIT: Zuckerwatte?

Livny: Ja, Zuckerwatte! Der Mann sagte, wenn ihr mir jetzt ein schönes Weihnachtslied singt, bekommt ihr Zucker. Also fingen wir drei Judenmädels an zu singen: Stille Nacht, heilige Nacht. Und wir bekamen den Zucker.

ZEIT: Überwiegen Ihre positiven Erinnerungen?

Livny: Auf der Feier zu meinem 90. Geburtstag habe ich eine Rede gehalten, und ich habe mich an drei Glückspunkten meines Lebens orientiert. Von der Geburt in Dresden über die Zeit in meinem Elternhaus, dann meine Alijah, also meine Emigration, und dann mein Mann, den ich hier in Israel getroffen habe. Ja, die Kindheit war glücklich. Darf ich mehr von meinen Eltern erzählen?