Ich gehöre zu denen, die man vergessen hat. Zumindest kommt es mir so vor. Mit meinen 28 Jahren bin ich längst nicht mehr Kind oder Jugendlicher. Aber bis ich mich einmal selbst zu den Senioren zähle, ist es sicher noch ein Weilchen hin. Ich bin Teil einer Generation, die sich in einem bedeutenden Lebensabschnitt befindet, die aber scheinbar von der Kirche vergessen wurde.

Die Kirche bietet Gottesdienste für Kinder und Jugendliche. Kinder werden in der Eucharistiefeier eingeladen, zum Vaterunser einen Kreis um den Altar zu bilden. Wenn der Pfarrer während der Predigt eine Mutter mit Kleinkind in der Kirchenbank entdeckt, huscht er später bei der Gabenbereitung schnell in die Sakristei, um den Faszikel mit den Hochgebeten für Kinder zu holen. Für Kinder gibt es Kinderkirche und Krabbelgruppe, es gibt Gruppenstunden und die mehrere Wochen andauernde Erstkommunionkatechese. Blickt man in Richtung Jugend, werden die Angebote schon lichter: Ab und an wird vielleicht noch ein Jugendgottesdienst mit sogenannten "rhythmischen Liedern" angeboten oder es gibt ein Zeltlager für Ministranten oder die Vorbereitung auf das Sakrament der Firmung. Dann beginnt eine größere Lücke, die mit den normalen Eucharistiefeiern ausgefüllt wird, bis dann endlich die Veranstaltungen für die ältere Generation kommen.

Es gibt keine spezifischen Angebote für die "Generation Y", zu der ich mich zählen darf. Und ich möchte es noch zuspitzen: Ich fühle mich besonders am Sonntag in der Eucharistiefeier schlichtweg vergessen. Für mich gibt es kein Sonderprogramm, wenn ich jede Woche im Gottesdienst sitze. Ich bekomme kein extra formuliertes Hochgebet, ich darf nicht am Altar das Vaterunser mitbeten. Für mich gibt es nicht einmal ein ausdrückliches Wort in der Predigt. Ich darf dem Predigttext lauschen, der für eine Altersspanne von null bis hundert bestimmt ist und den ich mir so zurechtbiegen muss, dass ich mich vielleicht auch selbst ein bisschen darin finde. Ich muss singen, dass unser Leben ein Fest ist und von irgendwelchen Senfkörnern, die mir Hoffnung schenken sollen. Zwar stehen diese Lieder im "Gotteslob" unter der Rubrik "Neues Geistliches Lied", aber jedes Mal frage ich mich, warum man Songs aus den Siebzigerjahren als neu bezeichnet. In der Populärmusik würde man das Ganze einfach "Oldie" nennen.

Vielleicht wurden wir vergessen, weil wir im Gottesdienst eher rar geworden sind. Wer nicht da ist, der zählt nicht und für den braucht man auch nicht zu predigen. Vielleicht bleiben wir aber auch gerade deshalb der Kirche fern, weil wir uns darin nicht mehr wiederfinden. Weil wir in der Kirche keine Antworten finden. Meine Generation, also die Menschen zwischen 25 und 35 Jahren, steht am Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Wir haben das Studium oder die Ausbildung beendet und müssen uns nun überlegen, wie es in Zukunft weitergehen soll. Manch einen plagt dabei sogar die "Quarterlife-Crisis" und man überlegt plötzlich, wo denn überhaupt der eigene Platz in der Gesellschaft ist. Viele von uns haben noch nicht den Partner fürs Leben gefunden, sondern sie sind nach wie vor auf der Suche. Unsere Beziehungen müssen noch das Risiko des Scheiterns einrechnen, wir leiden unter Liebeskummer oder versuchen, mit größter Kreativität, unseren Traumpartner zu erobern – und schaffen es am Ende vielleicht doch nicht. Wir denken anders. Wir hinterfragen Dinge und geben uns nicht mit vordergründigen Antworten zufrieden. Wir improvisieren gerne, stecken voller Ideen. Wir sind mit dem Internet aufgewachsen, für uns gehören PC und Smartphone wie Wasser und Brot zum Leben. Wir wissen, dass die Welt nicht nur lieb und schön ist, weil grausame Ereignisse wie der 11. September 2001 unsere Kindheit geprägt haben. Das alles (und noch so vieles mehr) bewegt uns.

Meine Altersgenossen und mich kann man nicht mehr mit einem bemühten Anspiel vom Hocker reißen. Wir schließen uns auch nicht an, wenn der Pfarrer bei einem NGL-Schlager zu klatschen beginnt. Wir wollen nicht hören, wie eine gute Ehe auch nach zig Jahren gelingt oder wie man nach 30 Jahren im gleichen Job noch motiviert seine Arbeit tun kann. Wir wollen keine schön umformulierten Kuschel-Liturgietexte oder einen Priester, der so tut, als würde er auf einmal zu unserer Generation gehören – nur weil er weiß, was Instagram ist.

Meine Generation will endlich einmal wieder wahr- und ernst genommen werden. Ja, es gibt uns noch! Auch wenn wir vielleicht nicht Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst gehen, wir sind ein Teil der Gemeinde. Und es würde uns wahnsinnig guttun, wenn es mal ein Wort für uns in der Predigt gäbe. Für die großen Umbruchzeiten im Leben hält die Kirche die Sakramente als Wegstationen parat: Am Beginn die Taufe, in der Pubertät die Firmung, am Übergang zu einer festen Partnerschaft die Ehe, am Anfang des Lebens als Priester der Ordo. Vielleicht wäre es ganz gut, auch die Verwandlungszeit, die sich für viele am Ende des Studiums, der Ausbildung oder nach einigen Jahren im Beruf einstellt, ebenso ernst zu nehmen und besonders herauszuheben. Es wäre zumindest eine Möglichkeit, die "Generation zwischendrin" wieder in den Blick zu bekommen.

Es reicht nicht mehr, nur zwischen Kindern, Erwachsenen und Senioren zu unterscheiden. Die Zeiten des Einheitsdenkens sind vorbei. Und möchte man die vergessene Generation wieder in die Kirche zurückholen, muss man einen Schritt auf uns zu machen. Sehen, dass wir unsere ganz eigenen Sorgen, Ängste, Freuden und Hoffnungen haben. Diese unterscheiden sich von denen der Kinder, Jugendlichen und älteren Erwachsenen. Das ist gut so. Denn wir befinden uns in einer Phase, in der wir merken, dass Erwachsensein gar nicht einmal so einfach ist, wie wir uns das immer vorgestellt haben. Da könnten wir die Kirche gut gebrauchen. Warum also nicht mal einen Gottesdienst für die "Generation Y" anbieten? Warum nicht mal das Evangelium so auslegen, dass sich auch andere Altersschichten mit dem Gesagten identifizieren können? Immerhin gilt doch die Frohe Botschaft für alle Menschen, für Jung und Alt und auch für die Generationen dazwischen.

Ich möchte nicht mehr Teil einer vergessenen Generation sein, sondern so dazugehören, wie es mir bei meiner Taufe zugesagt wurde. Ich möchte nach der Firmung nicht zu einer einförmigen Gemeinde gehören. Ich möchte in meiner Kirche mit meinem je eigenen Leben angenommen und gehört werden.