Der Weg zum amerikanischen Traum führt über eine Schnellstraße nach East Rutherford. Dort, in New Jersey, dem unglamourösen Nachbarstaat von New York, wurde die American Dream Mall eröffnet. In einem ehemaligen Feuchtbiotop, um das Umweltschützer vergeblich kämpften, erhebt sich ein schimmernd weißer Gebäudekomplex, in dem man problemlos Dutzende Jumbo-Flugzeuge parken könnte.

Bisher gibt es dort zwar noch nicht einmal einen Kaffee zum Mitnehmen, doch laut dem Betreiber Triple Five Group, einem kanadischen Familienunternehmen, sollen dort einmal 450 Geschäfte und Restaurants Kunden und Gäste anziehen. Die American Dream Mall ist ein Versuch, dem Niedergang des amerikanischen Einkaufszentrums etwas entgegenzusetzen – nämlich ein noch größeres, noch wahnwitzigeres Einkaufszentrum.

Wobei diese Bezeichnung zu kurz greift. Die neue Mall gleicht eher einem Vergnügungspark als einer Ansammlung von Geschäften. Es gibt dort einen bereits eröffneten Nickelodeon-Themenpark. Dort animieren als SpongeBob oder Mutant Ninja Turtle verkleidete Mitarbeiter ihre jungen Kunden zu einer Runde in einem der 35 Fahrgeschäfte und Attraktionen.

Ebenfalls dazu gehört der Skyline Scream, laut Pressemitteilung der "höchste überdachte Fallturm der Welt". In der Halle daneben entsteht der DreamWorks Water Park mit einem künstlichen Strand und einem Wellenbad, angekündigt als der "größte überdachte Wasserpark des amerikanischen Kontinents". Und vergangene Woche wurde eine Skischanze eröffnet, selbstverständlich beworben als der größte überdachte Ski- und Rodelhügel mit "echtem Schnee".

Mit all den Superlativen hoffen die Betreiber nicht nur, 40 Millionen Besucher jährlich anzuziehen, sondern auch gegen den Trend zu bestehen. Denn die Shoppingmall, einst fester Bestandteil des US-amerikanischen Mittelschicht-Lebens, droht zu verschwinden. Auf der Website Deadmalls.com tragen Fans Geschichten geschlossener Einkaufstempel zusammen, illustriert mit Bildern von rostigen Rolltreppen und mit Unkraut überwucherten Parkplätzen. Das Baukunst-Fachblatt Architectual Digest fragte kürzlich besorgt: "Was soll mit all den verlassenen Malls passieren?"

Kunstviertel sollen mediterranes Flair vermitteln oder an Old England erinnern

Die American Dream Mall könnte die Erfüllung eines Traums sein, den amerikanische Verbraucher längst ausgeträumt haben, sagt Jeff Hardwick, Experte für Architektur und öffentlichen Raum bei der Washingtoner Stiftung National Endowment for the Humanities. "Die Eröffnung einer neuen Mall scheint ein Anachronismus." Das Konzept sei längst abgelöst worden vom "Lifestyle-Center". Dahinter verbergen sich Kunstviertel, die den Besuchern das Gefühl gewachsener Orte vermitteln sollen. Mal gaukeln Amphoren und Steinbrunnen mediterranes Flair vor, mal vermitteln Kopfsteinpflaster und schmiedeeiserne Straßenlaternen das Gefühl, man stehe in Old England, kurz nachdem die Mayflower dort abgelegt habe.

Mit ihrer Ansammlung von kleinen Läden, Cafés und Restaurants imitieren die "Lifestyle-Center" das, was bis zum Siegeszug der Einkaufszentren und Walmarts auf der grünen Wiese die Main Street bot, die Hauptstraße, die in vielen amerikanischen Städten zugleich die Einkaufsmeile war. Heute ist es hinter den staubigen Schaufenstern vielerorts verlassen und leer.

Das hatte der Erfinder der Shoppingmall nie gewollt. Der Architekt Victor Gruen kam in den Dreißigerjahren aus Wien nach New York und machte sich bald einen Namen mit aufwendig gestalteten Schaufenstern und Fassaden. Nach dem Zweiten Weltkrieg erkannte er früh, welche Folgen die Massenmobilisierung haben würde: Vor allem die weiße Mittelschicht zog in die Vororte und pendelte mit dem Auto zur Arbeit. Gruen wollte ihr einen Ort geben, an dem sie sich in einer sicheren, klimatisierten Umgebung mit anderen Menschen treffen konnte.