Wie viele Kerzen, Kekse und Kalender, die Sie partout nicht haben wollen, werden Sie dieses Jahr kriegen? Wie viele Bücher, die Sie nie lesen werden? Und wie viele Bücher oder Kerzen werden Sie selbst verschenken? Wie findet man ein Geschenk für jemanden, der schon alles hat?

Weihnachten produziert inzwischen vor allem eins: schuldige Subjekte. Dringend muss noch ein Geschenk für die Nachbarin her, von der man vergangenes und vorvergangenes Jahr ein Glas Honig geschenkt bekam. Okay, man mag den Honig nicht, er steht noch immer im Regal. Vielleicht eine Vase? Leider haben wir keine Zeit, um etwas Schönes für die Nachbarin, den Kollegen, die Oma, das Patenkind, die Haushaltshilfe zu besorgen. Aber Online-Versandhändler versprechen Abhilfe: Einmal durch die Geschenkeseiten gesurft, hier was in den Warenkorb, dort was auf die Bestellliste, Geschenkverpackung angeklickt, Adresse eingetippt, vielleicht ist sie sogar vom Vorjahr noch drin, fertig. Nach einem halben Tag haben wir vergessen, was wir wem geschenkt haben, ist aber auch egal, wir hatten die Geschenke ja nie in der Hand und nur kurz im Sinn.

Für die Beschenkten stellt sich dagegen ein anderes Problem: Wohin mit dem ganzen Zeugs? Das Bücherregal ist voll. Das Küchenregal ist voll. An der Wand ist kein Platz mehr für Kalender, und wenn doch, dann hängen wir lieber einen auf, den wir selbst ausgesucht haben. Oft haben wir keine Lust mehr, solche Geschenke auch nur auszupacken – wir finden sie dann im nächsten Jahr unausgepackt oder halb ausgepackt unten im Schrank. Das Gute daran ist, dass es uns nach einem Jahr leichterfällt, sie wegzuwerfen, als an Heiligabend.

Das Zeitproblem der einen und das Platzproblem der anderen haben dieselbe Ursache: die inhärente Beschleunigungsdynamik moderner Gesellschaften. Denn die Kerzenindustrie muss wachsen, die Vasenindustrie muss wachsen, die Kalenderindustrie muss wachsen, der Buchhandel pfeift ohnehin aus dem letzten Loch. Wachsen sie nicht, steigern sie nicht die Umsätze oder wenigstens die Gewinne, gehen Arbeitsplätze verloren. Schließen Firmen und Unternehmen. Also muss mehr produziert, mehr distribuiert und mehr konsumiert werden, Jahr für Jahr, auch wenn das "mehr" natürlich nicht immer ein reines Mengenwachstum sein muss. Gleichzeitig erleben wir gewaltige Steigerungsphänomene in vielen Lebensbereichen: Berechnungen sagen, dass ein einfacher Pendler auf dem täglichen Weg zur Arbeit in einer Großstadt heute mit mehr Menschen in Kontakt kommt als ein mittelalterlicher Mensch in seinem ganzen Leben. Kurz, die Zahl der Produkte ist gestiegen, die Zahl der Kontakte ist explodiert, die Zahl der Optionen vermehrt sich ins Unabsehbare – nur die Zeit bleibt stets die gleiche: 24 Stunden am Tag, auf die Güter, Kontakte und Optionen verteilt werden müssen. Sie kann nicht vermehrt, sondern nur verdichtet werden. Dieses rasende Auf-der-Stelle-Treten spüren wir vor Weihnachten besonders deutlich. Dann träumen wir von Entschleunigung, doch die wäre nur um den Preis eines Ausstiegs aus der Wachstumsspirale zu haben.

Allein, das geht nicht. Ohne Wachstum bekommt das Land nicht nur ökonomische Schwierigkeiten, sondern alle Funktions- und Lebenssphären geraten in Schieflage: Die Renten würden unbezahlbar, das Bildungssystem ginge aus den Fugen, dem Gesundheitswesen drohte der Zusammenbruch, von den Pflegediensten ganz zu schweigen. Wissenschaft und Forschung wären von Kürzungen und Entlassungen betroffen, der Kunstbetrieb müsste kürzertreten, die finanziellen Spielräume des Staates würden verschwinden. Wachstum muss also her.

Natürlich kann man, um wieder auf Weihnachten zurückzukommen, sagen: Na gut, es muss ja nicht unbedingt das Geschenkeunwesen wachsen. Wir könnten auch mehr Autos produzieren und mehr Flugreisen machen. Das tun wir ohnehin Jahr für Jahr. Allerdings stimmt das nicht unbedingt weihnachtlicher. Und schadet ja dem Klima. Wir könnten auch mehr Häuser bauen. Das hat man in Spanien und den USA lange getan – so lange, bis der Immobilienmarkt zusammenbrach und ebendeshalb Menschen obdachlos wurden. Ganz zu schweigen davon, dass auch der Platz knapp zu werden droht: Anfang dieses Jahres stellten etwa die Initiatoren der sogenannten Zersiedlungsinitiative in der Schweiz fest, dass jeden Tag allein dort die Fläche von acht Fußballfeldern verbaut wird und in jeder einzelnen Sekunde ein Quadratmeter Grünfläche verloren geht. Also doch keine gute Idee, das mit dem Bauen.

Vielleicht sollten wir einfach mehr essen? Ökologisch nachhaltig wäre das nicht wirklich, aber doch nicht ganz so schlimm wie Flugzeuge und Häuser. Die Nahrungsmittelindustrie ist eine wesentliche Säule des Wirtschaftssystems. Auch sie muss wachsen. Bloß, wie schafft man das, wenn der kaufkräftige Teil der Bevölkerung nicht nur übersättigt, sondern längst auch übergewichtig, ja fettleibig ist? Die Hersteller der Produkte haben eine hocheffiziente Lösung gefunden: Sie arbeiten eifrig an Zutaten, welche die Sättigungssignale zwischen Magen und Hirn ausschalten – sodass wir einfach weiteressen, obwohl wir längst satt sind. Das wäre auch insofern höchst effizient, als es zugleich das Wachstum in der Pharmabranche sicherte.

Im Vergleich dazu sind Vasen und Kalender dann vielleicht doch noch das kleinere Übel.

Weihnachten war einmal die Zeit der leuchtenden Augen und erfüllten Wünsche. Die Zeit der Erbauung und Entschleunigung. Wenn heute aber so viele Geschenke nur noch entsetzte Blicke verursachen, bei Schenkenden und Beschenkten, wie wäre es dann, das Zeitproblem der einen wie auch das Raumproblem der anderen auf ganz neue Weise zu lösen? Wie wäre es also mit: Turboschenken?

Ich stelle mir das so vor: Bei spezialisierten Online-Geschenkehändlern könnte man angeben, für wen man alles Geschenke sucht und was sie kosten sollen. Dann noch die Adressen dazu und fertig. Das genaue Geschenk würde per Algorithmus ausgesucht. Als Beschenkter wiederum müsste man solche Geschenke gar nicht mehr auspacken, sondern könnte sie gleich recyceln lassen – natürlich ökologisch nachhaltig und sozial fair. Auch dafür würde der Online-Geschenkehändler sorgen. Der Schenkende müsste also gar nicht mehr wissen, was er schenkt, der Beschenkte müsste gar nicht erst nachsehen, was er bekommt – beide hätten es ja ohnehin spätestens übermorgen vergessen. Die Wirtschaft wächst, und niemand müsste sich mehr schuldig fühlen.

Sie finden, dass das eine ganz schreckliche Vorstellung wäre? Das stimmt natürlich. Aber als Gedankenspiel bringt es die groteske Beschleunigungslogik unseres Gesellschaftssystems anschaulich auf den Punkt.