Sieht irgendwie human aus: Dieses Gemälde mit dem Titel "La Baronne de Belamy" verdankt sich einem Algorithmus und wurde kürzlich bei Sotheby's für 25.000 Dollar verkauft. © "La Baronne de Belamy" von Obvious/​Sotheby's

Eine schöne, sehr seltsame Geschichte: Sie handelt von dem Bildhauer Pygmalion, der eine Skulptur aus Elfenbein erschafft, eine lebensgroße Frau, in die er sich derart verliebt, dass die tote Materie zu atmen und die Kunstfigur zu leben beginnt. Damit schien sich, zumindest dieses eine Mal, die alte Hoffnung der Menschen zu erfüllen: dass die Welt sie so sehr lieben möge wie sie die Welt.

Bis heute ist der antike Mythos überaus lebendig, nur dass es jetzt vor allem Techniker sind, die ihren kalten Objekten einen subjektiven Geist einhauchen wollen. Sie möchten beseelen, was keine Seele hat: Computer, die längst alle Lebenssphären durchdringen und den meisten Menschen so nahe rücken, dass sie ihr Smartphone öfter streicheln als ihre Liebsten. Die Leute sind ihren Geräten ähnlich verfallen wie einst Pygmalion seinem Elfenbein. Und so scheint es fast schon unausweichlich, dass die digitale Technik endlich zu atmen beginnt oder zumindest andere menschliche Regungen zeigt.

Am vergangenen Wochenende kam die Meldung, gerade sei ein machtvoller Computer dabei, eines der wichtigsten Meisterwerke der Musikgeschichte zu komponieren. Dank großer Rechenleistung soll er vollenden, was seit etwa 200 Jahren, seit dem Tod Ludwig van Beethovens, unvollendet ist: seine Zehnte Symphonie. Beethoven, schon sterbenskrank, hatte nur einige Skizzen für den ersten und dritten Satz notieren können, doch das dürfte reichen, sagen die Spezialisten. Sie bringen dem Computer bei, in den Notizen mögliche Muster zu erkennen und daraus etwas Unerhörtes entstehen zu lassen. Am Ende sollen aber nicht sie, die Programmierer, es soll die Maschine gefeiert werden – als Beethoven der Gegenwart, empfindsam, ungestüm, erfindungsreich.

Ähnliche Versuche, die Computer als Komponisten, Maler oder Dichter auftreten zu lassen, gibt es im Moment erstaunlich viele. Manche Universitäten leisten sich bereits ein Art & Artificial Intelligence Lab, etwa die Rutgers-Universität in New Jersey. Und Professoren wie Marcus du Sautoy aus Oxford schwärmen neuerdings vom creativity code, von einer digitalen Technik, die auf menschliche Weise schöpferisch werden könnte – und also mathematische Operationen in etwas Kunstvolles verwandelt.

Bislang diente künstliche Intelligenz, von der ja schon seit Jahrzehnten die Rede ist, vor allem dazu, gigantische Datenmengen auszuwerten. Nebenbei lernte die KI auch das Schachspielen und lenkte Automobile halbwegs unverbeult durch die Gegend. Jetzt aber ist es offenbar Zeit für Höheres: Die Computer sollen auch das Schöne, Wahre und Gute vollbringen. Deshalb lernen sie, wie man einen täuschend echten Rembrandt malt. Sie schreiben einen Roman, der es bis in die japanischen Bestsellerlisten schafft. Und manchmal komponieren sie einen Choral, der so sehr nach Bach klingt, dass selbst Experten nicht mit Gewissheit sagen können, womit sie es zu tun haben: Computer- oder Menschenwerk.

Wie das Experiment mit Beethoven ausgeht, weiß im Moment niemand. Die KI, gespeist mit allen neun Symphonien des Meisters und weiteren Klassikern, rechnet noch emsig und entwirft immer neue, möglichst werkgetreue Varianten. Sie entstehen vor allem auf Grundlage bestimmter Notenfolgen, die Beethoven oft und gern verwendete, nur dass sie nun vom Computer rekombiniert und neu arrangiert werden. Am Ende müssen allerdings die Experten entscheiden, welche dieser Arrangements originell und plausibel genug erscheinen, um als Symphonie durchzugehen. Einen Premierentermin gibt es bereits: den 28. April 2020. Spielen wird das Beethoven Orchester in der Beethovenhalle in Bonn.

Ob dabei mehr herauskommt als spektakuläres Getöse? Pablo Picasso war überzeugt: "Computer sind dumm, denn sie können keine Fragen stellen." In Wahrheit ist es noch schlimmer: Sie können auch keine Antworten geben, zumindest nicht auf Fragen, die nie jemand stellen würde, außer eben die Künstler. Diese erkennen Probleme, wo keine sind, und das unterscheidet sie grundlegend von Maschinen, die weder Ideale noch Aberwitz kennen, die nicht träumen, nicht verzweifeln und – soweit bekannt – auch keine Angst vor dem Tod haben. Ebendas aber, das Verlangen, die eigene Sterblichkeit zu überwinden, spornte viele Künstler an, sich mit schönem Größenwahn an einem ewigen Kunstwerk zu versuchen.

So lässt sich die ganze Idee, Computern etwas Künstlerisches andichten zu wollen, aus guten Gründen verwerfen. Wahrscheinlich werden sie nie Werke erschaffen, die so raffiniert und rätselhaft sind wie ein Gemälde von Vermeer oder ein Sonett von Shakespeare. Die Frage ist nur, ob es darauf überhaupt ankommt. Denn die Forscher forschen, das Publikum staunt, und es gibt sogar Sammler, die hohe Summen für Gemälde ausgeben, die mithilfe irgendwelcher Algorithmen erstellt wurden.