Tatsächlich. Liebe. Um es gleich vorweg zu sagen: Dies ist eine Apologie, eine Verteidigungsrede ohne Wenn und Aber.

Denn von diesen Wenn und Aber habe ich genug, von dieser Kleinrederei, der Häme und der Aggression, die der Liebe in diesen Tagen entgegengebracht wird. Glaubt man den intellektuellen Stimmungen im Land und, Gott bewahre, den Kommentarspalten, dann hat die Liebe ausgedient. Als lächerliches Gefühl für Träumerinnen darf die Liebe überleben, als infantile Weihnachtssehnsucht, als tränenreiche Flucht vor dem Alltag in Screwball-Manier, abends mit Netflix, Rotwein und vielen Taschentüchern.

Doch im wirklichen Leben ist anderes gefragt: Wenn es gut läuft, soll das überbordende Gefühl nur der Nüchternheit weichen, wenn es schlecht läuft, dient der neue Heroismus als Verhaltenslehre der Kälte. Mit Liebe kann man schließlich weder einen Staat machen noch die großen weltpolitischen Herausforderungen bewältigen. Ich wüsste zwar nicht, wer das je gefordert hätte, aber die Gegenfrage will erlaubt sein: Wie soll es denn ohne Liebe gehen, ohne Mitgefühl und die Fähigkeit, auch in den Fernen noch die Nächsten zu sehen? Wie soll der Gedanke der Humanität und der gleichen Würde aller denn überzeugen, wenn nicht mal die Möglichkeit im Raum steht, dass Menschen aus allen Himmelsrichtungen, aller Hautfarben, Religionen, kulturellen Prägungen sich zumindest theoretisch voller Zuneigung begegnen könnten, weil sie im anderen das große Wunder des Menschen erkennen?

Nüchtern betrachtet kann ich mir keine eine Menschheit ohne diese Unterstellung vorstellen. Im Gesicht der anderen etwas zu sehen, das andere in mir sehen, das, was Hannah Arendt das Ereignis der Liebe nennt, ist nicht rührselig und naiv, sondern voraussetzungsvoll und notwendig. Die, die nicht nur mehr Nüchternheit, sondern das Ende der Liebesillusion beschwören, hätten es gerne drastischer. Sie wollen die Liebe und ihre Verwandten, Barmherzigkeit, Geduld, Güte und Mitgefühl, mit Abstandsmessern bestimmen. Liebe gilt nur im Nahbereich. Die Nächsten sind, per Definition, nur die, die so sind wie wir selbst. Wer die Nächsten sind, ist Sache von Grenzziehungsexperten. Die Liebe bleibt privat und hat die gleiche Hautfarbe, Nationalität, Religion oder Meinung wie ich.

So abgewetzt und fadenscheinig ist das geworden, was ein ganzes Abendland lang als die Auszeichnung des Menschen galt: über den Unterschied hinweg zu lieben. Denn wer liebt, sieht Möglichkeiten, die andere nicht sehen, lässt sich berühren von Glück und Leid, steht staunend vor der Schönheit des Andersseins und geht eine Verbindung ein. Ja, ich weiß, einfach ist das nicht. Denn was eben noch glücklich machte, führt schnell zur Wut des Nichtverstehenkönnens. Nur füllt das Unglück der Liebe Romane und Klinikliteratur: ihre Anfälligkeit für Enttäuschungen, für Unterwerfung und Gewalt, für düstere Folgen einer hellen Passion, ihre Verwechslung mit käuflicher Zuwendung. Doch für die Liebe selbst bleibt so wenig übrig. Sie wird totanalysiert und so lange weggeredet, bis von ihr selbst nicht mehr übrig ist als ein großer Betrug.

Die Entlarvungswissenschaften der Liebe reichen von der Theologie über die Psychoanalyse bis zur Hirnforschung. Liebe – die überzeugende Camouflage für etwas ganz anderes, ja für ihr Gegenteil. Das ist vielleicht die erfolgreichste Verschwörungstheorie der Menschheit: "Es gibt sie gar nicht, die Liebe. Sie tut nur so." Lange halfen die Liebesverteidiger sich mit einer Ordnung der Liebe über ihr Geheimnis hinweg. Menschenliebe musste ordentlich von der Gottesliebe getrennt, Eros und sexuelle Leidenschaft von der Freundschaft geschieden werden. So sollten auch die niederen Motive aus der reinen Liebe ausgeschieden werden.

Am Ende dieser philosophischen Braukunst sollte die reine Liebesessenz stehen. Giftig schien die Selbstliebe zu sein, die Narzissmus als Hingabe tarnt, und die Sehnsucht nach Anerkennung als Nächstenliebe, außerdem den Wunsch nach Vergrößerung des kleinen Selbst als Gottesliebe. Vielleicht war das Misstrauen gegen die Liebe deshalb auch immer schon so groß. Dem Reinheitsgebot der Liebestypen entzieht sich die Liebe nämlich im Tiefsten. Sie ist, was sie ist, ein Gefühl, eine Übung, Arbeit und Ereignis. Ohne Beteiligung des Ich mit all seinen Grautönen, den gemischten Gefühlen und Motiven gibt es sie ebenso wenig wie ohne das Gegenüber der Liebe. In einer Welt, die sich an der Unterscheidung von Freund und Feind ausrichtet, erübrigt sich diese Übung fürs Erste. Bis sich auch die vermeintlichen Freunde gegen einen richten. Liebe ist zerredet, diskreditiert – vor allem scheint sie irgendwie peinlich zu sein. Ein Zuviel dieses Gefühls und dieser Haltung zur Welt ist längst rechtfertigungsbedürftig geworden. Mit Hassrede rechnet jeder, mit Liebeserklärungen eher nicht. Das gilt in den digitalen Netzwerken genauso wie in analogen Räumen, in Büros und Sendeanstalten, ja sogar in Kirchen. Die Liebe ist aber immer noch da.