Wenn er dreinschlägt, dann meist presto: Mit zwei Schlägeln schafft Martin Grubinger 1120 Schläge pro Minute, sein Puls steigt dann bis auf 196, so wurde es einmal gemessen und an die Wand des Wiener Konzerthauses projiziert.

Grubinger, 36 Jahre alt, ist von der Anlage her Hochleistungssportler, von Beruf Musiker – und er ist ein für sein Metier ungewohnt politischer Kopf, der sich erst als Kommentator auf Twitter einen Namen gemacht hat und seit vergangenem Sommer auch eine Zeitungskolumne schreibt. In seinen Konzerten aber streichelt, kratzt und verhaut er 200 verschiedene Schlaginstrumente. Mit manchen flirtet er nur: Marimbas und Congas, Bongas, Tamboras, Becken, Pauken, Glockenspiele, Trommeln, Dumdums, Xylo- und Vibrafone oder ganz einfach Kochtöpfe und Kaffeehäferln – nichts, was klingt, summt, hallt oder dröhnt, ist vor Grubingers Schlägeln sicher.

Auf vier Kontinenten konnte man den Salzburger mit Wohnsitz im oberösterreichischen Neukirchen an der Vöckla im abgelaufenen Jahr bei der Arbeit zuhören. In der Woche vor Weihnachten gibt er noch drei Konzerte mit dem Bruckner-Orchester im Großen Festspielhaus in Salzburg. Das Silvesterkonzert bestreitet Grubinger heuer mit dem Berliner Konzerthausorchester, dessen Musiker von Christoph Eschenbach dirigiert werden. Und nach Jahresbeginn geht es nach Hongkong.

Der junge Multi-Perkussionist mit dem Spitzbubenlächeln ist ein bedeutender künstlerischer Exportartikel – einer der anderen Art: Punkten die Wiener Philharmoniker mit Wohlklang und Virtuosität, vertreten Rudolf Buchbinder und Alfred Brendel die Wiener Klassik, galt Nikolaus Hanoncourt als der große Neuerer alter Musik, macht Grubinger notgedrungen Neues. Denn für Schlagzeug als Soloinstrument mit Orchesterbegleitung bietet die Musikliteratur einfach zu wenig. Es gibt eine Sonate für zwei Klaviere und zwei Schlagzeuge von Bélá Bartók aus dem Jahr 1938, an der seinerzeit viele scheiterten. Grubinger hält sie für "relativ leicht", er führt die Bartók-Sonate mit seiner Frau auf, der türkischstämmigen Pianistin Ferzan Önder.

Aber das war es dann fast schon mit der Literatur. Alles andere ist neu, komponiert meist erst für Martin Grubinger. Friedrich Cerha etwa schrieb dem jungen Musiker 2012 ein Konzert für Schlagzeug und Orchester, das der sogleich mit den Wiener Philharmonikern aufnahm. Auch Olga Neuwirth komponierte für ihn. Derzeit büffelt Grubinger an Konzerten des finnischen Komponisten Kalevi Aho und des Innsbrucker Modernen Johannes Maria Staud, "hochkomplexe Werke", wie Grubinger selbst befindet: "Bei der Aufführung muss man auch noch bedenken, dass der Komponist im Saal sitzt – das macht es nicht einfacher."

Aber diese Musik findet ihr Publikum: Beim alljährlichen Sommer-Spektakel Klassik am Dom in Linz bleibt kein Platz frei, die TV-Übertragung ist ein Quotenhit. In Linz gab Grubinger vergangenen Sommer neben Arbeiten von Neutönern auch leicht Zugängliches: Filmmusik von John Williams, Piazzollas Libertango, Bernsteins Westside Story, Gipsy-Musik. Getragen wird der Schlagzeuger bei diesen Auftritten vom 28-köpfigen Percussive Planet Ensemble, das sein Vater Martin senior leitet, selbst Schlagzeuger und Professor am Salzburger Mozarteum.

Der Vater ist ein Zentralgestirn im Leben des Musikers. Er hat Klein Martins Lust am Trommeln geweckt, als er Studenten manchmal zu Hause unterrichtete. Der vierjährige Stöpsel saß dabei und trommelte mit. Heute arrangiert, komponiert und organisiert der Senior für den Sohn.

Und er hat ihn politisiert. "Mein Vater kam aus bescheidenen Verhältnissen und war ein typisches Kind der Ära Kreisky. Ohne dessen Politik hätte er es nie auf das Mozarteum geschafft", erzählt Martin Grubinger. Bei Grubingers wählt man konsequent sozialdemokratisch.

Politik hat der Perkussionist erstmals während der Präsidentenwahl von 1992 wahrgenommen – da war er neun –, als der Kandidat der ÖVP, Thomas Klestil, jenen der SPÖ, Rudolf Streicher, unerwartet besiegte. Prägender war für Grubinger aber der Aufstieg Jörg Haiders, den er als Heranwachsender beobachtete. Bei der Bildung der ersten schwarzblauen Koalition war er 17 und strikt dagegen.

Der Neuauflage dieser Allianz durch Sebastian Kurz konnte er ebenso wenig abgewinnen. "Im Streben nach Wählermaximierung haben CSU und ÖVP ihre christlich-sozialen Wurzeln verkauft", postete Gubinger nach Abschluss des Regierungspakts mit der FPÖ auf Twitter. In seinen vielen Postings geht es keineswegs nur um innenpolitischen Kram. So kommentierte er etwa ein Urteil des französischen Verfassungsgerichtshofs zum Umgang mit NGOs.

Selbst beim Musizieren denkt Grubinger manchmal Politik mit, wie er im Vorjahr in einem profil-Interview erzählte: "Wenn ich Cerha oder Schostakowitsch spiele, ist mir auch bewusst, was diese Menschen politisch durchgemacht haben. Cerha desertierte aus Hitlers Wehrmacht. Schostakowitsch dachte in der Zeit des Stalinismus bei jeder Note nach, ob er damit durchkommt, und entwickelte eine unglaubliche Meisterschaft darin, mit seiner Musik subversiv zu sein."