Es war ja nicht gerade wenig, was der Osten dieses Jahr durchstehen musste: Landtagswahlen, Mauerfalljubiläum, Juwelenraub. Momente des Wahnsinns waren dabei, der Tragik. Da wird man sich auf den letzten Metern nicht mehr groß kirre machen lassen. Oder doch?

Auf den Weihnachtsmärkten in Leipzig und Erfurt zeigt sich jetzt noch einmal, wie leicht die Welt hier in Wallung gerät, wie empfindlich der Weihnachtsfriede ist, wie schmal der Grat zwischen Bürgerwut und amtlicher Verzweiflung. Die Verursacher sind, ganz unscheinbar, zwei Tiere.

Das eine heißt Moppi und ist nur eine Zeichentrickfigur, nämlich der grummelige Hund aus dem Sandmännchen. Ein Moppi-Motiv ziert dieses Jahr die traditionelle Kinderpunschtasse des Leipziger Weihnachtsmarktes. In den Jahren zuvor hatte man das Sandmännchen selbst, Schnatterinchen und Pittiplatsch auf die Tassen gedruckt. Schon diese Tassen waren Sammlerobjekte. Aber Moppi ist besonders begehrt, er löst einen Ansturm aus, den der Leipziger Weihnachtsmarkt noch nicht gesehen hat: Jeden Morgen bilden sich vor den geschlossenen Buden lange Schlangen. Dabei bleibt es nicht, die Kunden "schubsen sich herum", berichten Händler im MDR. Der Andrang sei "Wahnsinn" und "jenseits von Gut und Böse". Seit Dienstag sind die Tassen ausverkauft. "Die Leute kommen zu mir ins Büro gestürmt oder schieben Briefumschläge mit Geld unter den Ständen durch", berichtet Leipzigs Marktamtsleiter Walter Ebert. Auf eBay tauchen die Tassen für Hunderte Euro auf. Ein Schweizer Tourist soll versucht haben, eine Verkäuferin mit 500 Euro für eine Moppi-Tasse zu bestechen. Warum? "Moppi hat eine große emotionale Kraft", sagt Ebert.

Aber das ist noch nichts gegen die emotionale Kraft, mit der der Tod eines anderen Tieres am Wochenende die Republik erschütterte: jener des betrunkenen Erfurter Waschbären. Videos zeigen, dass er wie beschwipst über den Weihnachtsmarkt wankt. Passanten filmen, witzeln. Manche scheinen dem armen Kerl zuzuprosten: Na, genug für heute? Ein Besucher will den Waschbären tatsächlich mit einem Glühweinbecher gesehen haben. Der Clip geht viral. Die Feuerwehr fängt das Tier ein, bringt es weg. Erst später kommt heraus: Der Waschbär ist von Sinnen, weil er wohl an Staupe leidet, einer Infektionskrankheit, die auch Hunden gefährlich werden kann. Man ruft den Stadtjäger, der den Waschbären, ja: erschießt. Ordnungsgemäß und nach EU-Vorschrift, teilt die Stadtverwaltung Erfurt mit. Der Waschbär sei übrigens nicht nur ansteckend krank gewesen, sondern auch Angehöriger einer invasiven Art. Sein Tod: alternativlos. Viele Leute sehen das anders, im Internet tobt ein Shitstorm. Wie könne man das Tier, das gerade noch wie du und ich über den Markt getorkelt ist, einfach abknallen? Die kühle Rationalität, in der Adventszeit erscheint sie falsch.

Vielleicht hätte man in Erfurt anders, christlicher handeln müssen. Man hätte den Waschbären begnadigen können. Irrational, ja. Aber das ist Weihnachten!

Zu spät. Nun könnten die Erfurter sich ein Beispiel am Leipziger Marktamt nehmen, um die Sache zu retten. Sie könnten ein paar Gedenk-Punschtassen nachproduzieren: mit Waschbärmotiv.