DIE ZEIT: Herr Scholz, wann haben Sie von Ihrer Niederlage bei der Abstimmung über den SPD-Vorsitz erfahren?

Olaf Scholz: Kurz vor der öffentlichen Verkündigung des Ergebnisses, wie die anderen Kandidaten auch.

ZEIT: Wie haben Sie reagiert?

Scholz: Das Ergebnis hat mir natürlich nicht gefallen. Klara Geywitz und ich haben ja nicht kandidiert, weil wir sonst nichts Besseres zu tun gehabt hätten, sondern weil wir die SPD wieder stark machen wollen. Sie ist für die Demokratie und das Miteinander in Deutschland unverzichtbar.

ZEIT: Sie galten als Favorit. Waren Sie geschockt, dass es anders gekommen ist?

Scholz: Wer kandidiert, kann auch verlieren. Das war mir immer klar, insofern war ich nicht geschockt. Ich hatte mir die Entscheidung anzutreten bekanntlich auch nicht leicht gemacht, weil ich der Parteiführung schon lange angehöre.

ZEIT: Sie waren unter anderem Generalsekretär unter Gerhard Schröder. Sind Sie auch gescheitert, weil Sie für die Vergangenheit stehen?

Scholz: Ich habe mir zugetraut, einen Aufbruch zu erreichen. Inhaltlich zeigen das viele Beschlüsse des Parteitags, an denen ich im Vorfeld mitgearbeitet habe. Es macht jetzt aber wenig Sinn, über das Ergebnis zu philosophieren. Die Mitglieder haben entschieden. Es ist wichtig, dass die SPD zusammenbleibt.

ZEIT: Haben Sie an Rücktritt gedacht?

Scholz: Nein. Es wäre eine sehr egozentrische Haltung gewesen, meine Ämter als Finanzminister und Vizekanzler mit dem Parteivorsitz zu verknüpfen. Ich bin in die Politik gegangen, weil ich will, dass es in der Gesellschaft gerechter zugeht. Solange ich in diesem Sinne etwas bewirken und gestalten kann, werde ich mich für dieses Ziel einsetzen.

ZEIT: Und Sie meinen, da geht noch was?

Scholz: Sonst säßen wir jetzt nicht gemeinsam hier.

ZEIT: War es ein Fehler, zu kandidieren?

Scholz: Nein, sicher nicht. Ich bin mit mir sehr im Reinen. Es geht um die SPD. Ich hätte es mir nicht verziehen, wenn ich nicht angetreten wäre.

ZEIT: Wer entscheidet künftig, welche Position die SPD in der Regierung vertritt: Die Minister und die Bundestagsfraktion? Oder die Partei?

Scholz: Die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in der Partei, der Fraktion und der Regierung werden zusammenarbeiten.

ZEIT: Und wo wird entschieden?

Scholz: In gemeinsamen Gesprächen, wie das immer schon der Fall gewesen ist.

ZEIT: Haben Sie mit Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken schon gesprochen?

Scholz: Mehrmals. Das waren gute Gespräche. Die SPD war immer dann stark, wenn sie in ihrer Führung eine gewisse Bandbreite an sozialdemokratischen Positionen repräsentiert hat. Warum sollte das nicht auch heute funktionieren?