Ein Donnerstagnachmittag in Sankt Augustin, nahe Bonn. Jonathan Weiser hetzt durch die verregnete Stadt. Er hat Termine. Als Abgeordneter darf er heute nicht fehlen im Rathaus. Schließlich geht es um Gegenwart und Zukunft von Sankt Augustin, seiner Heimat, um die Situation auf Spielplätzen und Schulhöfen. So steht es auf der Tagesordnung. Am Eingang zum großen Saal im Erdgeschoss hängt ein weißer Zettel: "Öffentliche Sitzung". Dahinter ertönt laute Rapmusik. "Es ist egal, wo du herkommst. Egal, wie du aussiehst. Egal, wie du sprichst. Es ist wichtig, wie du bist ..."

Rapmusik im Rathaus? Für Jonathan Weiser ist das nicht ungewöhnlich. Natürlich singt er mit. Der Junge ist zwölf Jahre alt, geht in die sechste Klasse des örtlichen Gymnasiums, er mag Musik, spielt Schlagzeug und Basketball – wenn er Zeit hat, neben seinem Job als Sprecher des Kinderparlaments. Einige der jungen Abgeordneten, die mit ihm ins Rathaus gekommen sind, halten selbst gemalte Plakate in den Händen: "Schutz vor Kriegen", fordern sie. "Recht auf Bildung". "Schutz vor Gewalt".

Zweimal im Jahr treffen sie sich hier, insgesamt 35 Schülerinnen und Schüler. Ihre Klassenkameraden haben sie gewählt, um den Politikern ihren Blick auf die Stadt zu zeigen, mit ihnen über ihre Wünsche und Interessen zu diskutieren. Wann bekommen wir neue Klettergerüste für den Spielplatz? Warum sind unsere Schulhöfe so dreckig? Was können wir gegen Unterrichtsausfall tun? Warum soll der Jugendtreff geschlossen werden? Und warum sind die Straßen oft so kaputt?

Dass Kinder und Jugendliche das Recht darauf haben, "sich eine eigene Meinung zu bilden und diese Meinung in all jenen Angelegenheiten frei zu äußern, die sie berühren", wurde vor 30 Jahren in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen festgeschrieben. Das Übereinkommen besteht aus insgesamt 54 Artikeln und soll Heranwachsende vor Diskriminierung schützen, ihr Recht auf Leben, persönliche Entwicklung und Beteiligung sichern und dafür sorgen, dass ihr Wohlergehen bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, vorrangig berücksichtigt wird.

Offiziell sind seitdem alle Länder dieser Erde – mit Ausnahme der Vereinigten Staaten von Amerika – dem Abkommen beigetreten. Deutschland geht nun einen Schritt weiter – und möchte die Kinderrechte im Grundgesetz verankern. Vor wenigen Wochen legte SPD-Justizministerin Christine Lambrecht einen Gesetzentwurf vor, der nun diskutiert werden muss. Es geht darum, ob Kinder in Zukunft überall im Land mitentscheiden, ob auf einem freien Grundstück eine Reihenhaussiedlung oder eine Bibliothek gebaut wird, ob mehr Straßen in Innenstädten verkehrsberuhigt werden. Ausgerechnet bei den Teilhaberechten der Kinder allerdings ist der Entwurf überraschend zurückhaltend: Es soll beim Anspruch auf "rechtliches Gehör" bleiben, der jedoch längst im Grundgesetz verankert ist.

In Sankt Augustin, wo rund 55.000 Menschen leben, haben die Kinder seit 18 Jahren einen festen Platz im Rathaus, dürfen mitbestimmen, was passiert. Der spannendste Moment für die jungen Abgeordneten ist es, die Erwachsenen, zehn Vertreter der Stadt, ins Kreuzverhör zu nehmen. Caroline, zehn Jahre, meldet sich und beklagt, dass Jugendliche den Pausenhof ihrer Schule an den Wochenenden mit Pizzakartons und Bierflaschen verunreinigen: "Warum kümmert sich da niemand drum?" – "Liebe Caroline", antwortet Ali Dogan, der Sozialdezernent von Sankt Augustin, "ich sage es dir ganz ehrlich, die Stadt hat kein Geld. Im Sinne der Haushaltssicherung können wir das Ordnungsamt nur unter der Woche beschäftigen. Am Wochenende schaut niemand, wie es auf den Schulhöfen aussieht."

Die Kinder grummeln, sie kennen das schon: Zu oft heißt es, es sei kein Geld da, die Kassen seien leer. Für sie klingt das wie eine Ausrede, um die jungen Abgeordneten hinzuhalten.

Ali Dogan weist das von sich. Für den Juristen ist die Beteiligung der Kinder nicht nur eine moralische, sondern eine rechtliche Verpflichtung, die der Gesetzgeber längst schon im Kinder- und Jugendhilfegesetz, sogar im Baugesetzbuch festgeschrieben hat: "Das Kinderparlament ist keine Spielerei, die unser Image verbessert. Die Kinder sind Bürger dieser Stadt, und ihre Bitten und Forderungen landen auf der To-do-Liste der Verwaltung." Man kümmere sich darum, "im Rahmen der Möglichkeiten", sagt Dogan: "Nicht alles geht, aber ich will ehrlich zu den Kindern sein."