Da ist eine Frau, die sich freut, es so weit geschafft zu haben. Ist das nicht menschlich? Und vor Glück ihre Turnschuhe postet, die sie so weit getragen haben, die sie aber – Achtung, Skandal! – in San Francisco gekauft hat. Auf der anderen Seite des Atlantiks. 3, 2, 1 – Shitstorm, Hunderte Kommentare: "Zum Shoppen nach San Francisco jetten, um auf dem Parteitag dann fürs Klima zu kämpfen. So geht Doppelmoral", ätzt ein Mann. Ein anderer fragt, ob die Schuhe fair produziert worden seien. Und eine Frau legt nach: "Da spricht die Verkörperung der Arbeitervertreter und Sprecher der kleinen Leute. Aber sie können es halt nicht besser wissen. Sie haben noch nie einen Arbeiter aus der Nähe gesehen".

Puh, gute Laune klingt für mich anders. Man möchte verzweifelt den Computer an die Wand werfen.

Leute, was soll das? Darf Frau Esken jetzt nicht mehr reisen? Soll sie täglich in die Grube gehen, um Malocher-Luft zu schnuppern? Barfuß, weil Turnschuhe fast ausschließlich in fernen Ländern produziert werden? Muss sie in Sack und Asche gehen, weil sie für harte Klimaziele kämpft? Mein Gott, ist das armselig. Aber es ist mehr als das. Es ist gefährlich. Denn es haut jedem Politiker, der etwas von sich als Mensch zeigt, sofort einen vor den Latz. Wer soll sich denn in Zukunft noch für Politik engagieren? Maschinen? Zudem geht es bei dieser Scham-Offensive allein um Diskreditierung. So wie Journalisten, die man der Lüge bezichtigt, sobald sie etwas berichten, was nicht ins Weltbild passt, versucht man Politiker mit dem Vorwurf der Scheinheiligkeit einzuschüchtern.

Genau deshalb bringt es auch nichts, wenn ihr Kollege im SPD-Vorsitz, Norbert Walter-Borjans, ein paar Tage später ein Foto von sich in der U-Bahn twittert. Mit dem Hinweis darauf, dass Politiker mitnichten nur in Limousinen umherkutschiert werden. Bei allem Verständnis dafür, sich erklären zu wollen, biedert er sich damit letztlich nur bei denen an, die nichts Gutes im Schilde führen.

Die Leute, die verachtende Kommentare schreiben, wollen keine Aufklärung. Es geht ihnen nämlich nicht um die Sache. Es geht ihnen nicht mal um die Personen. Die dienen nur als Projektionsfläche, um den Klimaschutz ins Lächerliche zu ziehen. Und zwar so lange, bis sich niemand mehr traut, öffentlich dafür zu werben, weil er sonst niedergemacht wird. Damit sich klimapolitisch nichts mehr ändert – was das eigentliche Ziel ist.