DIE ZEIT: Die technologischen Giganten Facebook und Google schalten jetzt Riesenanzeigen zum Schutz der Privatsphäre. Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat verkündet, die Zukunft werde privat sein. Warum diese Beteuerungen?

Shoshana Zuboff: Die Rhetorik der Konzernchefs ist ausgefuchst. Sie verschleiert das gefräßige Projekt des Überwachungskapitalismus, das sich in versteckten kommerziellen Operationen vollzieht.

ZEIT: Was heißt gefräßig?

Zuboff: Die Tech-Giganten beuten menschliche Erfahrung aus, als sei sie ein kostenloser Rohstoff. Sie verwandeln ihn in Daten und handeln auf Datenmärkten mit der Zukunft von Gefühlen und Verhalten. Dass die Zukunft privat sein werde, hat Zuckerberg im April wissen lassen, doch was im Juni geschah, wurde in den Medien kaum berichtet. Vor einem kalifornischen Gericht wurde das Anliegen von ein paar Facebook-Nutzern verhandelt, die wissen wollten, ob ihr Wahlverhalten manipuliert worden sei. Orin Snyder, der Anwalt von Facebook, teilte dem Richter mit: Wer freiwillig hundert Freunden über Facebook etwas Privates mitteile, könne nicht berechtigterweise erwarten, dass die Privatsphäre respektiert werde. Die Klage sei also gegenstandslos.

ZEIT: Der Richter war anderer Meinung. Aber warum ist in einer Demokratie der Schutz der Privatsphäre überhaupt wichtig? Wäre es nicht leichter, diese Erwartung einfach aufzugeben und politisch dennoch demokratisch zu handeln?

Zuboff: Wir sind 20 Jahre lang in Illusionen der Privatheit gebadet worden und im rhetorischen Wasserfall der Überwachungskapitalisten schier untergegangen. Wir dachten, wir durchsuchten für unsere privaten Zwecke das Netz mithilfe von Google, dabei hat Google uns durchsucht. Wir dachten, wir nutzen privat die sozialen Medien, dabei benutzen sie uns, um aus unseren Daten Verhaltensvorhersagen zu gewinnen und uns wie eine Herde in profitable Richtungen zu treiben, aufgrund von Studien, die erheben, wie sich Gefühle in Netzwerken ausbreiten. Wir dachten, wir würden umsonst die digitalen Produkte dieser Suchmaschinen in Anspruch nehmen, dabei haben sie uns als Gratisprodukte genutzt.

ZEIT: Nicht ganz gratis: Die Konzerne bieten uns Nutzern etwas an und haben viel Geld investiert.

Zuboff: Von einer konstruktiven Wechselseitigkeit zwischen Produzent und Konsument kann keine Rede sein. Die digitalen Dienstleistungen sind zu Ködern geworden, mit denen die Nutzer zu Mitteln für anderer Leute Zwecke und Rendite werden. Wir dachten, wir hätten mithilfe der technologischen Innovationen Zugang zu geschütztem Wissen, dabei hat sich deren Wissen Zugang zu uns verschafft. Unser Irrtum besteht darin, dass wir das Private für eine Privatsache hielten. Jetzt sind wir abgestumpft und reden uns unsere Resignation schön.

ZEIT: Was genau heißt privat?

Shoshana Zuboff © Foto: dpa Picture-Alliance

Zuboff: Das Private ist ohne seine Verankerung in der Geschichte der Demokratie gar nicht zu denken. Privatheit ist eine Erfahrung des modernen Individuums und seiner Psyche. Sie hat mit unverwechselbarer Innerlichkeit und Intimität zu tun. Die Privatheit ist seit der Aufklärung in einer Geschichte der Individualisierung entstanden, gleichzeitig mit der Idee der unantastbaren Menschenrechte und mit der Demokratie als politischer Ordnung, in der souveräne Individuen handeln. Dieser Zusammenhang lässt sich nicht in einzelne Bestandteile auflösen. Privatheit muss geschützt werden, weil in ihr zum Ausdruck kommt, dass jeder Mensch natürlicherweise den Respekt verdient, dessentwegen er individuelle Rechte innehat.

ZEIT: Die digitalen Giganten haben ebendeshalb das Versprechen vermittelt, unsere individuellen Bedürfnisse wahrzunehmen, zu respektieren und damit auch unser genuin modernes Selbstwertgefühl als Individuen zu stärken.

Zuboff: Ja, sie haben Schlupflöcher angeboten, einer Welt zu entkommen, die unseren Wünschen gleichgültig gegenüberzustehen schien. So erklärt sich der Siegeszug des emanzipatorischen Versprechens des Internets. Es gab uns die Bestätigung, dass jeder Einzelne zählt. Es kam dem Bedürfnis entgegen, möglichst effektiv selbstbestimmt leben zu können. Darauf beruht der Erfolg des modernen Kapitalismus. Doch der Überwachungskapitalismus geht darüber exzessiv hinaus: Er macht Menschen zu Zwecken für den Handel mit ihren privaten Erfahrungen und Gefühlen, er will totale Gewissheit über die Zukunft des Verhaltens erlangen.

ZEIT: Vielen ist es einfach egal, ob ihre Daten geschützt sind, und sie sagen, sie hätten nichts zu verbergen. Tragen wir dazu bei, den Wertezusammenhang der Moderne zu zerstören?

Zuboff: Wir sind Teil eines faustischen Pakts, dem wir uns kaum entziehen können. Das Internet ist heute unabdingbar für soziale Teilhabe. Wir haben uns aber außerdem dazu verführen lassen, uns in einer narzisstischen Blase einzurichten, in der wir nicht mehr erkennen, dass individuelles Handeln untrennbar mit einer politischen und ökonomischen Ordnung verbunden ist. Wer Privatheit zerstört, zerstört zugleich politische Freiheit. Bei der Verwandlung des herkömmlichen Kapitalismus in einen Überwachungskapitalismus handelt es sich um eine nicht staatliche Art des Putsches von oben, um einen Sturz der Volkssouveränität.

ZEIT: Das Internet hat eine Demokratisierung des Wissens versprochen. Sie zeichnen das Zeitalter des Überwachungskapitalismus nun als eine postdemokratische Epoche. Ist der digitale Traum ganz zerstoben?

Zuboff: Er hat sich radikal verfinstert. Wir müssen um eine zukünftige digitale Welt kämpfen, die uns eine Heimat sein kann. Es ist das alte Lied: Wissen ist seit eh und je Macht, und wir leben heute in einer Epoche von klaffender Ungleichheit an Wissen. Die Machtfrage zu stellen heißt heute, dreierlei zu fragen: Wer weiß? Wer entscheidet, wer weiß? Und: Wer entscheidet, wer entscheidet? Unsere Zeit hat feudale Züge, wir kehren gegenwärtig in die Vormoderne vor Gutenberg zurück, als nur wenige das Wissen in Händen hielten, mit dem sie über alle bestimmten.