Ein Außenseiter, der Parteichef wird, gegen alle Vorhersagen, gegen jede Wahrscheinlichkeit. Und gegen den Widerstand der bis dahin führenden Köpfe der Partei. Getragen vor allem von den Jüngeren und der Sehnsucht nach einer ganz anderen, linkeren Politik.

Was die deutschen Sozialdemokraten gerade erleben, hat die britische Labour-Partei vor vier Jahren vorgemacht. Nur sind es bei der SPD gleich zwei Außenseiter, die nun an der Spitze stehen. Der spektakuläre Erfolg von Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken erinnert auf verblüffende Weise an den Aufstieg von Labour-Chef Jeremy Corbyn. Auch dieser war bis zu seiner Wahl im September 2015 nur wenigen bekannt und hatte sich erst spät entschlossen, überhaupt zu kandidieren. Bis heute sehen viele europäische Linke den Briten als Hoffnungsträger. Denn keine andere sozialdemokratische Partei hat sich so radikal gewandelt, keine andere ist so weit nach links gerückt wie Labour unter Corbyn. Und so geht es an diesem Donnerstag, wenn in Großbritannien ein neues Unterhaus gewählt wird, nicht allein um den Brexit. Abgestimmt wird auch über die Zukunft der Sozialdemokratie: Was ist heute links? Und wieweit taugt Labour als Vorbild?

Die Voraussetzungen für einen Labour-Sieg wären eigentlich günstig. Seit neun Jahren regieren die Konservativen, und man kann nicht sagen, dass diese Zeit Großbritannien besonders gut getan hätte. Die Armut ist im Vergleich zu vielen anderen EU-Staaten groß, die Infrastruktur häufig marode, die Gesundheitsversorgung weist dramatische Lücken auf. Der Brexit, den die Konservativen zu verantworten haben, liegt wie ein Fluch über dem Land. Trotzdem wäre ein Regierungswechsel eine Überraschung; in den Umfragen lag Labour deutlich hinter den Konservativen.

Ein Paradox, nicht nur in Großbritannien: Die Konservativen sind unter Druck, die liberale Ordnung steht infrage, die Hochzeiten von Privatisierung und Deregulierung gelangen erkennbar an ein Ende. Aber die Sozialdemokraten, die davon profitieren müssten, sind in Europa so schwach wie nie.

In Frankreich ist die Parti socialiste fast verschwunden; in Deutschland befindet sich die SPD im freien Fall; in den Niederlanden schlug die Partij van de Arbeid zuletzt bei 5,7 Prozent auf. Erfolgreich sind Sozialdemokraten fast nur noch in der Nische, in kleinen Ländern am Rande Europas. Und selbst dort haben sie häufig historisch schlechte Ergebnisse wie etwa in Finnland, wo sie mit einem Stimmenanteil von 17,7 Prozent nun die Ministerpräsidentin stellen. Die Not der Sozialdemokraten ist groß, und genauso groß ist ihre Ratlosigkeit. Wie lässt sich der freie Fall stoppen?

Regieren und reparieren

Es gehört zu den Widersprüchen der deutschen Sozialdemokratie, dass sie zuletzt nicht an den Problemen gescheitert ist, sondern an den von ihr vorangetriebenen Lösungen. Nicht die Ohnmacht ist es, die sie verzweifeln lässt, sondern ihre relative Macht. In den vergangenen Jahren schien für die SPD ein umgekehrtes Gesetz der politischen Repräsentation zu gelten: Je mehr sie – gemessen an ihrem Stimmanteil – in der Regierung durchsetzen konnte, desto weniger konnte sie ihre Wähler begeistern. Dabei war es eine redliche Strategie, die die SPD verfolgte: Durch Korrekturen an den Reformen der Schröder-Jahre versuchte man, die verlorene Glaubwürdigkeit schrittweise zurückzugewinnen. Dem Niedriglohnsektor begegnete man mit dem Mindestlohn. Der Altersarmut erst mit der Mütter-, dann mit der Grundrente. Jeder Sozialdemokrat in Amt und Funktion kann heute präzise aufsagen, wo, wie und warum die Partei in der Regierung "geliefert" hat.

Allein, geholfen hat es nicht. Liegt es wirklich daran, dass die Partei zu ihren Erfolgen nicht steht, wie viele Regierungsgenossen meinen? Es ist verführerisch, ein politisches Legitimations- auf die Größe eines Kommunikationsproblems zu schrumpfen, realistischer allerdings scheint: Das "schlechte Verkaufen" der Regierungsarbeit ist nicht Ursache, sondern Ausdruck der Sinnkrise einer Partei, die sich vor allem als Reparaturbetrieb begreift. Die aber nicht mehr erklären kann, wie all die Einzelmaßnahmen zusammenhängen. Die Politik als Problemlöser, der Wähler als Konsument der Gesetze, regieren und reparieren in der Hoffnung, dass am Ende daraus Zustimmung wird – so haben es auch die österreichischen Sozialdemokraten lange Zeit gehalten. Doch diese Strategie ist in Wien wie in Berlin an ein Ende gekommen. Was nun?

Von den Niederlanden bis Malta

Sozialdemokratische Stimmungslagen

Quelle: jeweilige nationale Wahlbehörde und Medienberichte © ZEIT-Grafik

Die längste Zeit ihrer Geschichte sei die Sozialdemokratie eine Bewegung im Spagat gewesen zwischen Sein und Sollen, zwischen Utopie und Empirie, schreibt der Politikwissenschaftler Franz Walter. Gerade aus dieser Spannung haben die Sozialdemokraten in Europa ihre Stärke gezogen. Sie hatten Zukunftsvorstellungen und Gestaltungsansprüche. Es war kein Zufall, dass die Delegierten auf dem SPD-Parteitag am vergangenen Wochenende am heftigsten applaudierten, als Kevin Kühnert seine Partei dazu aufrief, wieder Visionen zu entwickeln, größer zu denken.