"Saskia Esken erinnert an eine sadistisch veranlagte Gemeinschaftskundelehrerin" (Focus)

"Die SPD muss sterben, damit wir leben können" (ZEIT ONLINE)

Selbst friedfertige Menschen erleiden, um es im Duktus des zitierten Focus-Kolumnisten zu sagen, einen aktiv-aggressiven Kontrollverlust, sobald sie die Buchstabenkombination SPD erblicken. Aus frustrierter Liebe? Aus Hass auf alles Linke? Man weiß es nicht.

Sieben Tage hat sich das Land nun wieder mal an der SPD abgearbeitet, vom Samstagabend der vorvergangenen Woche, 18.07 Uhr, als feststand, dass Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans die Stichwahl zum SPD-Vorsitz gewonnen hatten, bis zum Freitag darauf, als die beiden vom Parteitag gewählt wurden. Sieben Tage, an denen die SPD auf eine Art und Weise und von so vielen durch den Kakao gezogen wurde, wie es ansonsten mit keiner anderen Partei geschieht.

Die SPD durch den Kakao zu ziehen scheint eine riesige bundesrepublikanische Gruppentherapie zu sein. Aber es ist noch mehr als das. Das SPD-Ritual folgt den fast immer gleichen Abläufen, es gibt da ein gewisses Muster. Man braucht dazu nicht mal eine Kommentarspalte oder Meinungsseite, SPD-Bashing lässt sich auch als Nachricht tarnen, dazu bedarf es nur weniger Zutaten: Einen ehemaligen Vorsitzenden. Einen Außenseiter. Und eine Umfrage, die beweist, dass Volk und Kritiker auf einer Linie sind.

"Tante ohne Unterleib" (Spiegel)

"Orgien der Selbstzerfleischung" (taz)

Die SPD hat sehr viel mehr ehemalige Vorsitzende als jede andere Partei, also auch sehr viel mehr, die sich zur SPD äußern. Mal ist es Gerhard Schröder, seltener Franz Müntefering, bisher noch nie war es Andrea Nahles. Einer aber sagt fast immer was: Sigmar Gabriel. "Viel schlimmer als eine SPD-Führung, die sich an das Dasein als eine 13-bis-14-Prozent-Partei gewöhnt zu haben scheint, ist (...) deren thematisch-strategische ›Verzwergung‹ auf das Soziale", schreibt er in einem Gastbeitrag. Das klingt gut, wie immer bei Gabriel. Bloß: Wer war fast acht Jahre SPD-Vorsitzender? Unter wem hat die Partei zwei Bundestagswahlen verloren, die Selbstverzwergung des Vorsitzenden durch Kanzlerkandidaturflucht inbegriffen? Das könnte man fragen. Geschieht aber nicht. Ist ja auch zu schön, wenn der Ex-Chef über die eigenen Leute herzieht.

"Die SPD ist wie ein alter Hometrainer" (Wirtschaftswoche)

"Können die das?" (Berliner Zeitung)

Jede Partei hat einen Außenseiter, der vom Seitenrand stänkert. Einen, den man nicht mehr dabei haben will, der aber immer noch da ist. Bei der CDU ist es Hans-Georg Maaßen, der ehemalige Verfassungsschutzchef. Die SPD hat Thilo Sarrazin. Der erregt immer noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit als alle anderen Außenseiter, weil er sich mit seinen rassenbiologischen Thesen selbst so spektakulär an den Rand gestellt hat. Auftritt Thilo Sarrazin im Fernsehen. Der ehemalige Finanzminister von Berlin spricht über Walter-Borjans, den ehemaligen Finanzminister von NRW. Einen "maximalen Versager" nennt ihn Sarrazin, und natürlich ist das maximal bösartig. Denn wer ist eigentlich Sarrazin? Ein Rassist, ein Zuspitzer, jemand, den die SPD seit Langem loswerden will. Und so jemand darf Kronzeuge sein? Und selbst wenn: Dann könnte man immer noch über die Finanzpolitik des ehemaligen Finanzministers Sarrazin streiten, über den Verkauf landeseigener Wohnungen, die heute fehlen, und einen harten Sparkurs, der die Stadt ausgezehrt hat. Könnte es also sein, dass Thilo Sarrazin ebenfalls ein schlechter Finanzminister war, vielleicht sogar ein noch schlechterer als Walter-Borjans? Aber das zählt nicht, wenn nur das knackige Zitat zählt.

"Die Krise geht weiter" (Hamburger Abendblatt)

"Am Abgrund" (FAZ)

Ganz häufig fehlt der Kontext, der größere Zusammenhang, der Hintergrund. Aber egal: "SPD rutscht mit neuer Spitze ab", meldet n-tv nach der Wahl von Esken und Walter-Borjans auf dem Parteitag und beruft sich auf eine Forsa-Umfrage, wonach die SPD nur noch von 11 Prozent der Deutschen gewählt würde. Dass diese Daten schon vor dem Parteitag erhoben wurden? Geschenkt. Dass die SPD laut emnid am Tag darauf bei 16 Prozent liegt? Egal. Es sind die 11 Prozent, über die man spricht.

Muss die SPD nun sterben, damit wir leben können? Wahrscheinlich ist es genau umgekehrt: Die SPD darf allein schon deshalb nicht sterben, weil so viele von ihrem Elend leben.