Die Not mag kein Ende nehmen. Zu Wochenbeginn erreichte die Krise der Sozialdemokratie einen neuen Tiefpunkt. Angesichts des horrenden Schuldenberges (14,9 Millionen Euro) berieten die obersten Parteigremien, Präsidium und Vorstand, über ein Sparpaket, das helfen soll, das tiefrote Minus abzustottern. Die seit Monaten schwelende Führungskrise wurde bei dieser Gelegenheit gleich entsorgt. Zumindest der Versuch wurde unternommen.

Je stärker die Genossen ihre Einigkeit beschworen, desto offensichtlicher wurde, dass die Operation Sturz der Chefin keinesfalls abgesagt worden ist. Wie lange diese neuerliche Galgenfrist für das Führungsduo an der Parteispitze währt, ist allerdings höchst ungewiss.

Erst vor zwei Wochen war eine Palastrevolte kläglich gescheitert. Eingefädelt hatte sie wohl der niederösterreichische Landeschef Franz Schnabl, der sich gemeinsam mit den benachbarten Genossen in Oberösterreich bemühte, eine Länderfront gegen die Wiener Zentrale zu errichten (wie das seinerzeit Christian Kern beim Sturz seines Vorgängers Werner Faymann geglückt war). Allerdings war die Intrige derart plump und durchsichtig gesponnen, dass die Aktion scheitern musste. Vor allem wussten die Rebellen nicht, wen sie hätten als Alternative präsentieren können. Gerüchteweise raunte der Name Peter Kaiser durch die Reihen, doch der rote Landeshauptmann von Kärnten winkte postwendend ab. So stürzte, was am Donnerstag als Gewissheit die Runde machte, am Freitag Vormittag bereits wieder in sich zusammen.

Bei den Sitzungen zu Wochenbeginn ging nun die Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner mit ihren Kritikern hart ins Gericht, zeigte allerdings keinerlei Einsicht dafür, dass es ihre eigene mangelnde Führungsleistung war, welche die kritischen Geister auf den Plan rief.

Der Begriff Selbstkritik scheint der Parteichefin gänzlich fremd. "Die öffentliche Selbstbeschäftigung hat zu einer öffentlichen Selbstbeschädigung geführt", beharrte sie trotzig darauf, keinen Anteil an der roten Misere zu haben. Gewiss, sie hatte von dem für eine Oppositionsrolle vollkommen ungeeigneten Christian Kern eine lädierte Partei übernommen, doch unter ihrer Führung schlingerte die Sozialdemokratie, außer Kontrolle geraten, durch schwere See. Drei Wahlen gingen unter dem Vorsitz von Rendi-Wagner hintereinander verloren, jeweils reichte es für die Partei nur zu dem jeweils schlechtesten Ergebnis in ihrer Geschichte. Gleichviel behauptete die Vorsitzende nach einer dieser Pleiten: "Die Richtung stimmt." Das Problem bei dieser Feststellung ist weniger, dass sie grundfalsch ist. Sondern: Die Partei, und noch mehr ihre Führung, steuert keinen erkennbaren Kurs, vielmehr eiert sie herum.

Rendi-Wagner scheint einen hohen Verschleiß an Beratern zu haben, denen sie ihr Vertrauen schenkt und die sie zu beeinflussen vermögen. Zunächst setzte sie den Parteimanager Max Lercher, einen erdigen Steirer, den sie von Vorgänger Kern geerbt hatte, vor die Tür und löste ihn durch den ehemaligen Kulturminister Thomas Drozda ab. Bald stieg jedoch der externe Berater Nedeljko Bilalic, ein roter Karrierist der Slim-Fit-Generation, in ihrer Gunst und begann Drozda, einen Mann mit kostspieligen Vorlieben, vom Ohr der Vorsitzenden zu verdrängen. Nach der krachenden Niederlage vom 29. September musste Drozda seinen Platz räumen. An seine Stelle trat Christian Deutsch, ein Apparatschik der ganz alten Schule, der zuvor als Kampagnenchef den Wahlkampf ganz und gar vergurkt hatte. Derzeit gibt sich das powerless couple unzertrennlich. Tatsächlich verdankt der neue Parteimanager seine Position Doris Bures, der grauen Eminenz aus dem roten Liesinger Clan von Ex-Kanzler Faymann, die einen Aufpasser in der Zentrale wissen will. Die Zweite Nationalratspräsidentin ist auch die wichtigste Unterstützerin, die regelmäßig ihre Wiener Hausmacht ins Treffen führt, wenn die Chefin wieder mal ins Schwanken geraten ist. Gegenwärtig liefern die Sozialdemokraten ein beängstigendes Sittenbild rivalisierender Machtklüngel und politischer Zerrissenheit.

Kein Wunder, dass angesichts dieser Zerwürfnisse die Ergebnisse der Meinungsumfragen weiter nach unten rasseln. In manchem demoskopischen Befund rangiert die rote Wählerschaft in den Rohdaten (also bei der sogenannten Sonntagsfrage eins) gar nur mehr einstellig.

Die wachsende Schwäche macht die Landesparteien im Burgenland und vor allem in Wien, wo im nächsten Jahren bei den Wahlen rote Führungsrollen verteidigt werden sollen, zunehmend nervös. Während der Kurs von Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, das Burgenland mit linker Sozial- und rechter Sicherheitspolitik zu regieren, gute Chancen auf Erfolg hat, ist die Situation in der Bundeshauptstadt prekärer. Vom Niedergang der Freiheitlichen profitiert vor allem die Volkspartei (die beiden Parteien sind zu kommunizierenden Gefäßen verschmolzen), während in den Bobo-Zonen der Städte die Grünen den Sozialdemokraten immer stärker den Rang streitig machen. Es kursieren Umfragen, in denen ein roter Albtraum in greifbare Nähe gerückt ist: Ein Zweckbündnis aus Grünen, Volkspartei und Neos zwingt zum ersten Mal bei freien Wahlen die Genossen, ihre Bastion im Rathaus zu räumen.

Im roten Schicksalsjahr 2020 steht damit nicht nur die weitere Existenz der Sozialdemokratie auf dem Spiel, sondern die Nachkriegs-Verfasstheit der Republik insgesamt. Dem politischen Schicksal von Pamela Rendi-Wagner gilt dabei wohl noch die allergeringste Sorge.