Schweizer Jugendliche klauen die Beruhigungsmittel ihrer Mütter, kaufen Antidepressiva im Darknet und brechen in Apotheken ein: Wer sind diese süchtigen Teenager?

Generation Y

Piero* hat die ganze Nacht lang einen Mix aus Beruhigungs- und Aufputschmitteln geschluckt, "Xans und Amphis reingeballert". Jetzt sitzt er benommen in der reformierten Kirche in Reinach, einem kargen Betonbau mit roten Backsteinwänden. Er trauert um Stefan, der eine Woche zuvor an einem ähnlichen Drogencocktail gestorben ist.

Stühle werden hereingetragen, damit die vielen Trauernden Platz finden. Der Abschied wird zur Feier von Stefans kurzem Leben: Fotos und Videos, dazu läuft die Technohymne Sky and Sand. Es ist ein Rückblick auf wilde Nächte und große Gefühle, auf ein glückliches Kind und einen nachdenklichen Teenager. Als ihn seine Freunde am 29. März 2019 in der Wohnung eines Bekannten fanden, klebte eine Zigarette in Stefans Mundwinkel.

Als Stefan starb, war er gerade mal 20. Er war beliebt. Und berüchtigt. Er konsumierte alles, kannte jede Wirkung. Er war ein Experte für chemisch verursachte Grenzerfahrungen. Stefans Freunde beschreiben ihn als einfühlsamen, intelligenten Mann, aber auch als einen, der mit seiner Gefühlswelt nicht zurechtkam.

Piero weiß, was Stefan alles genommen hat. Auch viele andere Teenager, die in der Kirche sitzen. An sie ist der Brief von Stefans Eltern gerichtet, den die Pfarrerin unter Tränen vorliest. Die Botschaft lautet: Hört auf mit den Tabletten!

Draußen an den Wänden der Basler Agglomerationsgemeinde erinnern Graffiti an die Tragödie: "RIP Stefan" steht auf Schulhauswänden, auf Parkbänken, beim Fußballplatz.

Ist die Geschichte von Stefan und seiner Clique ein Einzelfall? Oder steht hinter ihrem übermäßigen Konsum von Beruhigungsmitteln eine neue Drogenwelle, wie manche Experten warnen?

Die Baselbieter Jugendanwaltschaft sagt, es gebe in jeder städtischen Gemeinde im Kanton eine Szene, die exzessiv verschreibungspflichtige Medikamente konsumiere. Mal seien es zehn Jugendliche, mal mehr als 50. Besonders viele sind es in den Agglomerationsgemeinden. In Münchenstein, Reinach, Muttenz, Pratteln, Allschwil und Birsfelden.

Ein halbes Jahr ist seit der Beerdigung von Stefan vergangen. Piero, Timo* und Luca* sitzen auf einem Bänkli im Wartehäuschen der Tramhaltestelle Neuewelt in Münchenstein und erzählen von ihrem Leben.

Schulbank drücken, Mofa schrauben, Fifa spielen, Rap hören, Xanax schlucken. Die drei sind alle 15 Jahre alt.

Aus ihren Handy-Boxen wummert elektronische Musik. Einer nach dem andern stellt sich schüchtern vor: Piero, ein massiger junger Mann mit weichem, kindlichem Gesicht, die Kapuze über den Kopf gezogen. Timo, schmächtig gebaut, die blasse Haut geht kontrastlos in die weiße Hip-Hop-Kleidung über. Luca, ein groß gewachsener, hübscher Junge mit blauen Augen; in seinem rechten Ohr funkelt ein Stein.

Luca: Alle Dealer haben aufgehört, nachdem Stefan gestorben war.

Timo: Wir haben trotzdem noch genommen. Haben es in der Stadt geholt.

Piero: Kolleg sagte, Dicker, Stefan ist gestorben! Ich fing an zu weinen.

Luca: Richtig netter Mensch, er hat es nicht realisiert.

Piero: Er hat es realisiert, er war auf Entzug.

Luca: Hör zu, am Tag, bevor er starb, hat er mir geschrieben: Ich bin ausgebrochen, ich will konsumieren.

Piero: Er hat krank viel konsumiert. Ich sah ihn im Coop, er war aufgeschwemmt, sah tot aus.

Die drei Freunde fanden sich übers Kiffen. Samstags und sonntags hingen sie beim Einkaufszentrum Gartenstadt herum. Sie rauchten Marihuana, erst nur wenig, dann, so erzählen sie, bis zu 18 Joints am Tag. Neue Freunde stießen dazu, jüngere und ältere, auch ein paar Mädchen. "Jemand hat gesagt, ich hab da was Neues. Da haben wir Xanax probiert."

Für Timo ist das Beruhigungsmittel Xanax inzwischen so wichtig, dass er es meistens bei sich trägt. "Die Vorstellung, keinen Zugang zu den Tabletten zu haben, ist unerträglich", sagt er. Damit er die angstlösende Wirkung spürt, muss er aber ständig die Dosis erhöhen. Meist fängt er am Samstagabend mit zwei Tabletten und einem Bier an. Im Verlaufe einer Nacht kommen so viele Tabletten dazu, wie er sich zurechtgelegt hat. Manchmal fünf, manchmal acht. Das ist ein Vielfaches der empfohlenen Dosis für Erwachsene, die das Medikament gegen Rezept erhalten, etwa wenn sie unter Angststörungen leiden. "Wenn du auf Xans bist, nimmst du die wie Tic Tacs", sagt Timo. Er beschränke seinen Konsum mehrheitlich aufs Wochenende. Aber das "Ziehen" nehme zu, das Verlangen nach den Pillen. "Ich will immer konsumieren, am Sonntag, am Montag, am Morgen, am Abend." Zieht es zu fest, schaut Timo die Tabletten an – und legt sie zur Seite. Er sagt: "Mein Wille ist stark genug."