Wochenlang wohl hat Melania Trump gezupft und gelupft, arrangiert und dekoriert, und am Ende reckten sich im Foyer des Weißen Hauses 30 gepuderte Tannenbäume mit 14.000 Ornamenten in Rot und Weiß bis zur Decke. "Hommage an den Patriotismus" nennt die First Lady ihr Prachtwerk. Christmas makes America great again.

Weihnachten als Jubelfeier nationaler Macht? Das gab’s immer wieder, bisweilen ist das Fest sogar zu einer Sonnenwendfeier umgelogen worden. Als Vorbild dienten die Römer, die Ende Dezember ihrem unbesiegten Sonnengott, dem Sol invictus, die Ehre erwiesen. Das Fest war ein Heidenspektakel – und gleichzeitig ein ideologisches Staatstheater, eine Art Religionspolitik fürs Volk. Der Kaiser präsentierte sich darin in seiner ganzen Macht und Herrlichkeit als irdischer Statthalter des Sonnengottes, als Zentralgestirn eines Weltreichs, in dem die Sonne nie unterging.

Nur vor diesem Hintergrund versteht man die subversive Unverfrorenheit, mit der die Autoren der Bibel ihre Gegenerzählung unters Volk brachten, ihre neue politische Theologie: Nicht die Supermacht des Kaisers, sondern das schutzlose Neugeborene aus der Davidstadt Bethlehem ist der wahre Friedensfürst. Das war, wie der Theologe Eberhard Schockenhoff schreibt, eine "ungeheuerliche Provokation", ein unverschämter Angriff auf den "Herrschaftsanspruch des Weltreichs" (Frieden auf Erden? Herder Verlag). Wie unerheblich ist der römische Sol invictus im Vergleich zum menschgewordenen Gott? Was ist ein sterblicher Kaiser gegen einen Messias, der die Weissagung des Propheten Micha erfüllt und den Exodus in Erinnerung ruft – also jenen Auszug der Juden aus Ägypten, mit dem das Versprechen auf Gerechtigkeit in die alten Reiche einbricht und deren Machtanspruch erschüttert?

Aber es kommt noch schlimmer: Auch die Behauptung, der Stern von Bethlehem überstrahle alle anderen Sterne, war ein Affront, ein Angriff auf das mythische Kreislaufdenken der Zeitgenossen. In deren Augen bildete die Menschenwelt, der soziale Kosmos, das natürliche Abbild des ewigen Universums. Glück und Unglück, Krieg und Frieden wechseln einander ab wie Sommer und Winter. Ganz anders das Neue Testament. Die Geburtsgeschichte überwindet die mythische Zeit der antiken Kosmologie und verkündet den Beginn einer neuen Zeit, einer Zeit ohne Unrecht und Gewalt, ohne sinnlose Opfer und sinnloses Leid. Christi Geburt entsühnt die Menschen und gibt ihnen den Rückhalt, den Bund mit Gott zu erneuern und die Befreiungsgeschichte des Exodus fortzusetzen.

Historisch gesehen ist beträchtlicher Aufwand betrieben worden, um die gefährliche Weihnachtsbotschaft unter viel Lametta zu begraben oder Weihnachten zu einem gewöhnlichen Gastmahl mit Götterspeise und Gabentausch zu verkitschen. Zuweilen legten auch die Christenmenschen selbst Hand an; sie spalteten den messianischen Kern des Festes ab und verwässerten Weihnachten zu einem Sündenvergebungsereignis (nachzulesen im Standardwerk Politische Weihnacht, herausgegeben von Richard Faber und anderen). Aber der Sinn des Festes ist nicht die folgenlose Unterbrechung des bürgerlichen Alltags, sondern seine Verwandlung – es steht im Zeichen einer Ankunft, deren Wahrheit sich erst im Lauf der Geschichte erfüllen soll.

Für den Fall, dass den Kirchen die eigene Botschaft unverständlich wird, hilft gern die Kunst aus. In seinem neuen Film The Irishman zeigt Martin Scorsese eine schwer erträgliche Gewalt, eine mythische Verkettung aus Lüge und Verrat im kapitalistischen Kosmos Amerikas. Nicht zufällig endet der Film am 23. Dezember, und er muss es auch: Die wahre Weihnacht hat noch gar nicht stattgefunden – sie steht noch aus. Aber immerhin, die Tür bleibt einen Spalt geöffnet. Der Messias kann eintreten.