Carla Jaggi wird nicht weinen an diesem Tag. Sie wird sogar lachen, wenn sie von ihm spricht, die Stimme fest, die Gedanken sortiert. Sie wird erzählen, wie sie das überlebt hat: den Tod ihres Freundes Julian Zanker.

Anderthalb Jahre ist es her, dass ich die beiden für eine Bergtour auf den Mönch im Berner Oberland begleitet habe. Damals, im Sommer 2018, schrieb ich eine Reportage über Jaggi, die jüngste Bergführerin der Schweiz, eine Ausnahmeerscheinung in einer männerdominierten Branche (ZEIT Nr. 33/18). Um zu beobachten, wie sie einen Gast auf den 4107 Meter hohen Gipfel führte, musste ich selbst gesichert werden: Das übernahm Zanker. Als ich auf dem Gipfelgrat stolperte, spannte er das Seil zwischen uns und verhinderte meinen Absturz. Damals sprachen wir lange über die Gefahren in den Bergen. Carla Jaggi sagte: "Als Bergführer begleitet uns der Tod ständig."

Heute steht sie an der Talstation der Gondelbahn Isenfluh im Lauterbrunnental. Wie vor einem Jahr hat sie die braunen Haare zum Zopf geflochten, sie trägt eine blaue Jacke, die Beine wirken noch schmaler als damals. Wir sind per Du, wie das im Hochgebirge üblich ist. Gemeinsam schweben wir über herbstlich bunt getupfte Baumwipfel hinauf nach Sulwald, mit jedem Meter, den die Gondel in die Höhe schwebt, wird die Aussicht besser. Jaggi blickt hinaus. Auf der anderen Talseite stehen zum Greifen nah: Eiger, Mönch und Jungfrau.

In der Nordwand des Eigers verunglückte Julian im Februar dieses Jahres und starb. Jaggi blickt hinüber und zeigt auf ein Schneefeld im oberen Drittel des Bergs. "Dort ist es passiert", sagt sie.

DIE ZEIT: Carla, was geschah am 24. Februar?

Carla Jaggi: Julian war mit einem Freund unterwegs in der Eigernordwand. Eine harte Tour, 1800 Meter hoch ist die Wand, aber für zwei Topkletterer eigentlich kein Problem. Er ist vorausgeklettert. Was genau passiert ist, kann auch Tobias, sein Kumpel, nicht sagen, weil er zum Zeitpunkt des Unglücks hinter einer Felsnase war. Julian ist gestürzt.

ZEIT: Er war mit einem Seil gesichert.

Jaggi: Das Seil fing ihn auch auf. Aber beim Sturz muss er sich mit dem Steigeisen verhakt haben, wodurch es ihn in der Luft drehte. Er schlug mit dem Helm auf dem Fels auf. Tobias spürte einen starken Zug an dem Seil, das ihn mit Julian verband. Nach dem Sturz spürte er keine Bewegungen mehr daran. Julian war sofort tot.

ZEIT: Wie hast du von dem Unglück erfahren?

Jaggi: Ich war Gleitschirmfliegen mit einer Freundin, nachmittags ging ich nach Hause. Aus der Wand schickte Julian mir noch ein Selfie, ausgerechnet aus dem sogenannten Todesbiwak. Ich schrieb zurück und fragte, ob ich ihm später Hörnli mit Gehacktem machen soll, sein Lieblingsessen. Auf diese Nachricht hat er mir ewig nicht geantwortet. Heutzutage, wo man sogar in der Eigernordwand Empfang hat, ist so eine lange Schreibpause ein bisschen komisch. Irgendwann wurde es dunkel, und ich hatte immer noch keine Nachricht von ihm. Ich schrieb Tobias, seinem Kollegen. Der hat zwar gelesen, was ich geschrieben hatte, aber er antwortete nicht.

ZEIT: Hattest du da bereits geahnt, was passiert sein könnte?

Jaggi: Solche Situationen hatten Julian und ich hin und wieder, in den Bergen wird es manchmal spät. Andererseits war es unser Kodex, dass man sich meldet, wenn es dunkel wird. Ich beschloss, mich abzulenken. Ich ging in die Kletterhalle nach Wilderswil. Dort klingelte plötzlich mein Handy: Julians Mutter. An das, was dann passierte, erinnere ich mich gut. Es läuft in meinem Kopf ab wie ein Film. Wieder und wieder.

ZEIT: Was sagte Julians Mutter?

Jaggi: Sie schrie in den Hörer, die Stimme schrill vor Entsetzen: "Er ist tot!" Immer wieder höre ich diesen Schrei: "Er ist tot, er ist tot!" Das Schlimmste, was ich je gehört habe. Weil die Nachricht für mich so unglaublich traurig war, aber auch, weil man in der Stimme von Julians Mutter diesen unfassbaren Schmerz hörte.

Wir steigen den Pfad hinauf über Sulwald. Der Wald lichtet sich, wir gehen über hügelige Wiesen. Links öffnet sich das Saustal, das zum Schilthorn führt, geradeaus stehen die gezackten Lobhörner. Wir drehen uns um und blicken zum Eiger. Ein Berg, der aussieht, als habe ihn jemand in der Mitte durchgeschnitten, so glatt und steil ist die Nordwand, auf die kaum je Sonne fällt. Eis und Stein prasseln herab. Fast alle großen Alpinisten haben sich an diesem Mythos versucht, die ersten vier, die sich trauten, sind dabei gestorben. Es folgten mehr als 70 weitere Tote.

ZEIT: Spürst du Wut, wenn du den Eiger betrachtest?

Jaggi: Nein.

ZEIT: Er hat dir deinen Freund genommen.

Jaggi: So sehe ich das nicht. Der Eiger ist einfach nur da, niemand hat Julian gezwungen, dort hinaufzuklettern. Manche Alpinisten neigen dazu, Berge zu idealisieren. Ich stelle sie mir eher wie Katzen vor. Bevor sie dich zum ersten Mal gekratzt haben, findest du sie süß. Wenn sie dich kratzen, schaust du sie anders an. Mich haben die Berge schon oft gekratzt. Ich überhöhe sie nicht.