Die Zunahme ökonomischer Ungleichheit und die Auflösung nationaler Institutionen haben zu einer tiefen Legitimationskrise der westlichen Demokratien geführt, unheilvoll beschleunigt durch die mediale Revolution, die die Formen und damit auch die Inhalte unseres Denkens und unserer Debatten verändert, Ängste verstärkt und den Zerfallsprozess beschleunigt. Reaktion darauf ist die fieberhafte Suche der Menschen nach Zugehörigkeit, von der alle Gesellschaften der Welt wie in einer Abwehrreaktion geschüttelt werden. Panisch ordnet eine identitäre Logik, wie der Soziologe Armin Nassehi das nennt, die Welt neu.

In den westlichen akademischen Milieus "sind es vor allem Geschlechterfragen, Fragen der sexuellen Orientierung, der Hautfarbe, die zu Identifikationsangeboten werden, auf der anderen Seite haben Konflikte mit Migrations- und Fluchtfolgen (...) neurechte Ideologien stark gemacht. (...) So unterschiedlich all diese Formen sind, so sehr eint sie", wie Nassehi betont, "dass sie die Welt in Gruppen einteilen und einen Raum für Kulturkämpfe um die Hegemonie jener Gruppen bieten." In diesen Kämpfen zersplittern Gesellschaften, wie Francis Fukuyama schreibt, in Segmente mit immer enger gefassten Identitäten, was die Möglichkeiten gesamtgesellschaftlicher Erwägungen und kollektiven Handelns zunehmend bedroht. Wenn die liberalen Demokratien es nicht schafften, die Menschenwürde wieder umfassend zu begreifen, führe diese Entwicklung, so Fukuyama, unweigerlich zum Kollaps und zum Scheitern des Staates.

Der Grund für den hohen Destruktionsgrad, der dieser Entwicklung innewohnt, ist darin zu sehen, dass es der identitären Logik, anders als den Bürgerrechtsbewegungen des 20. Jahrhunderts, den Schwarzen in den USA und der Frauenbewegung der Siebzigerjahre, nicht mehr vor allem um politische und gesellschaftliche Teilhabe zu tun ist. Sie beruht, worauf Herfried Münkler hinweist, "nicht auf Selbstbewusstsein, sondern auf Bedrohtheitsempfindungen. Nicht Stolz, sondern Angst steht hinter der gegenwärtigen Konjunktur des Identitätsbegriffs." Hinter ihr steht vor allem der Wunsch nach Anerkennung und zugleich die Überzeugung, nur derjenige, der innerhalb der eigenen Kultur lebe, könne ein wirkliches Verständnis ihrer Realität haben. Wer die entsprechenden Grenzen überschreitet, wird der kulturellen Aneignung geziehen. Das universelle Versprechen der Aufklärung, wonach jeder über seine spezifischen Erfahrungen hinaus- und zur Selbstbestimmung gelangen können soll, wird als weiße, männliche, eurozentrische Ideologie zurückgewiesen.

Das ist die Gegenwart, in der wir leben und in der auch der Stellenwert der Künste sich verändert. Das ist der Hintergrund der Aufwallungen, denen sie heute ausgesetzt sind. Soll man die Bilder von Balthus aus den Museen entfernen, weil sie scheinbar einem unstatthaften Begehren Raum geben? Wie steht es um unsere Bewertung von Nabokovs Lolita? Was ist mit Woody Allen und Roman Polanski?

Das ist der Hintergrund, vor dem mir zwei Sätze Joseph Breitbachs nicht aus dem Kopf gehen. Zwei einfache Sätze, die er im Juni 1935 in einem Brief an seinen Freund Alexander Mohr schrieb: "Das Malen macht mir viel Sorgen. Besonders Bäume."

Was mich an diesen Sätzen fasziniert, ist ihre ungeschützte Schlichtheit. "Das Malen macht mir viel Sorgen. Besonders Bäume." Und es ist natürlich das Echo, das sie unweigerlich erzeugen. Denn zur selben Zeit befand Brecht in seinem berühmten Gedicht An die Nachgeborenen, ein Gespräch über Bäume sei "fast ein Verbrechen, (...) weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!" War Joseph Breitbach also, frage ich mich, als er, in der Schweiz vor dem deutschen Faschismus sicher, damals bei Solothurn in die Natur ging, um nicht nur über Bäume zu sprechen, sondern sie zu malen, war er ein Verbrecher?

Die Frage klingt lächerlich, doch die Liste der Argumente, mit denen das Leid der Welt gegen die Autonomie der Kunst ausgespielt wurde, ist lang. So heißt es etwa in den Dämonen Dostojewskis: "Der Enthusiasmus der modernen Jugend ist ebenso rein und leuchtend wie der unserer Zeiten. Nur eines ist vorgegangen: Die Ziele haben sich geändert; eine Schönheit ist durch eine andere ersetzt worden! Der ganze Zweifel besteht nur darin: was ist schöner, Shakespeare oder ein Paar Stiefel, ein Raffaelsches Gemälde oder Petroleum?" Shakespeare oder ein Paar Stiefel: Die Frage nach ihrer Nützlichkeit hat sich der Kunst über politisch linke Positionen unserer Gegenwart vererbt. Und immer ist es, "rein und leuchtend", der "Enthusiasmus der modernen Jugend", der sie von Neuem stellt. Und es ist dies, wie die blutige Geschichte der Kulturrevolutionen zeigt, keine akademische Frage. Heute wird sie unter dem Regenbogenbanner der Identität gestellt.