Auf Instagram wollen einige Nutzer neuerdings an einer besseren Zukunft arbeiten. 

Generation Y

Es war Anfang November, als Nike van Dinther auf einer Bühne in Dresden saß und sagte: "Anfang des Jahres hatte ich mir vorgenommen, ruhig zu bleiben und nicht die wütende Feministin zu geben ... aber ich bin so wütend!" Die Runde, in der van Dinther da sprach, nennt sich Popfeministischer Stammtisch, eine Veranstaltung des Deutschen Hygiene-Museums in Kooperation mit dem Missy Magazine. Das Thema an jenem Abend: Abtreibung.

Wer sich für Mode interessiert und die App Instagram auf seinem Smartphone installiert hat, wird Nike van Dinther vermutlich kennen. Die 31-Jährige ist eine der beiden Gründerinnen von This is Jane Wayne, ein Modeblog, das es seit 2010 gibt. Van Dinther schreibt dort über die Wiederentdeckung des roten Lippenstifts, "ulkig" aussehende Zehen in Sandalen oder die neue This is Jane Wayne-Accessoires-Kollektion. Vor allem aber schreibt sie über Feminismus. 2017 sprach sie öffentlich darüber, abgetrieben zu haben, zwei Wochen später folgte ein Text mit dem Titel: "Der Fall Kristina Hänel – warum wir über Schwangerschaftsabbrüche reden müssen".

2019 ließ die Wut, die van Dinther ja eigentlich hatte vermeiden wollen, nicht lange auf sich warten. Am 11. Februar postete van Dinther auf Instagram den Aufruf zu einer Petition. Ihr Gegner? Gesundheitsminister Jens Spahn, der fünf Millionen Euro für eine Studie zu den seelischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen gefordert hatte. Eine Studie, kritisierte van Dinther, "die erstens psychische Verletzungen aufgrund von gängigen Stigmata auslassen wird und zweitens ganz offensichtlich nichts anderes ist, als ein schamloser Versuch, zutiefst frauenverachtende Gesetze und Geisteshaltungen zu verbrämen". Der Post endete mit #wasfürnspahn und #keinescheidekeineahnung (von gewissen Dingen). Auf der Bühne in Dresden sprach van Dinther über ihre Motivation. Ein paar Wochen später, im Gespräch mit der ZEIT, sagt sie: "Ich habe begriffen, dass Politisches nicht mehr ausschließlich im Privaten stattfinden darf. Wir kommen nicht weiter, wenn wir nicht sagen, was wir denken."

Instagram ist ein Ort geworden, an dem es auch um Politik geht

Etwas mehr als 80.000 Menschen folgen van Dinther auf Instagram. Eine wie sie nennt man Influencerin. Als Instagram 2010 startete, ging es vor allem um gutes Aussehen und schöne Fotos. Um Inszenierung, viel Schein, weniger Sein. Inzwischen ist Instagram auch zu einem Ort geworden, an dem Meinung geäußert wird. Es geht um Verantwortung und Aktivismus, weswegen Influencer wie Nike van Dinther auch Sinnfluencer genannt werden. "Ich habe mich lange dagegen gewehrt, Instagram als Teil meiner Arbeit wahrzunehmen", sagt sie. "Ich habe die Plattform sogar eher als Abwertung empfunden, weil es doch ein sehr narzisstischer Schauplatz ist. Irgendwann begriff ich, dass Instagram auch ein politisches Medium sein kann. Dass es Tiefe haben kann." Heute nehme sie Instagram als Medium ernst.

Auch Frauen wie das britische Model Adwoa Aboah oder die amerikanische Müllgegnerin Lauren Singer tun das – und nutzen die Plattform für ihre Anliegen. Es war 2015, als Singer auf einer Bühne stand und den Zuschauern ein Marmeladenglas mit Schraubverschluss präsentierte: 470 Milliliter fasst so ein Glas, und in dieses Glas passte Singers Müll der zurückliegenden drei Jahre. "Wenn ich das erzähle, glauben die Leute immer, ich sei verrückt", sagte sie. "Oder sie fragen mich, wie ich mir meinen Hintern abwische." In den folgenden 13 Minuten erzählte Singer, wie sie zum müllfreien Leben kam – und das so ein Leben gar nicht so schwierig zu führen ist. Das Video, das es auf YouTube von ihrem Auftritt gibt, wurde seitdem mehr als zwei Millionen Mal abgerufen.

Seit 2012 versucht Singer, Müll zu vermeiden. Während ihres Studiums der Umweltwissenschaften in New York hatte eine Kommilitonin ihr Essen jeden Tag doppelt plastikverpackt mitgebracht plus eine Wegwerfflasche. "Wir sind doch die Zukunft dieses Planeten", hatte Singer in diesem Moment gedacht. "Und hier sind wir, mit all unserem Müll." Sie startete das Blog Trash is for Tossers, "Müll ist für Vollidioten". Auf Instagram folgen ihr rund 370.000 Menschen. In New York hat Singer inzwischen zwei Unverpackt-Läden eröffnet.