Nach dem Krieg: Anselm Grün

Jedes Jahr nach dem Krieg veranstalteten die beiden Familien Küpper und Grün ein Krippenspiel. Zusammen hatten die beiden verwandten Familien – die Mütter waren Schwestern – 13 Kinder. So konnte in jedem Jahr ein Baby das Christkind darstellen.

Mein Onkel – Herr Küpper – hatte Erfahrung im Theaterspielen. Er entwarf jedes Jahr das Spiel und schuf auch die Kulissen, in denen wir vor Weihnachten das Krippenspiel probten. Wir waren ja kleine Kinder. Viel Text mussten wir nicht auswendig lernen. Meine älteren Geschwister und Cousins spielten Maria und Josef und den Wirt und die Wirtin, die Maria und Josef von ihrer Tür wiesen. Die Wirtsleute sangen das Herbergslied: "Wer klopfet an?" Mein Onkel sang diese Frage in tiefem Bass anstelle meines Bruders, der nicht so gut singen konnte. Meine Cousine und mein Cousin, die besser singen konnten, antworteten dann: "O zwei gar arme Leut." Doch dann schmetterte mein Onkel die barsche Antwort, da sei kein Platz für arme Leute.

Wer das Christkind spielte, das hing gerade vom Alter ab. Das wurde dann nicht gefragt, sondern spielte einfach das Christkind. Das lag in der Krippe. Es hat sich so verhalten, wie es wollte, nicht wie es sollte. Wir anderen Kinder spielten die Hirten und die Engel, die Buben die Hirten und die Mädchen die Engel. Wir hatten nur wenig zu sagen. Nur wenn wir dem Kind in der Krippe etwas schenkten, sollten wir einen Satz dazu sagen. Aber wir hielten uns nicht immer an die Regieanweisungen. Als ich die Rolle des Hirtenbuben spielte, der dem Christkind einen Apfel schenken sollte, da fielen mir nicht mehr die Worte ein, die ich hätte sagen sollen. Stattdessen biss ich in den Apfel und sagte dem Christkind nur: "Schmeckt gut."

Das Krippenspiel, das wir vor Weihnachten eingeübt hatten, spielten wir dann am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag jeweils nach dem Gottesdienst. Wir luden die Gottesdienstbesucher in das Haus Küpper ein. Dort waren die Kulissen in einem Vorraum des Wohnzimmers aufgebaut. Die Leute nahmen im Wohnzimmer Platz. Offensichtlich kamen sie gerne. Sie erfreuten sich an dem lebendigen Krippenspiel, viele hatten einfach Freude daran, nach den schweren Kriegsjahren zwei Familien zu erleben, die bereit waren, ein Krippenspiel zu spielen. Beim Zuschauen ließen sie sich berühren von der weihnachtlichen Geschichte, die wir spielten. Aber sie lachten auch mal, wenn wir Kinder uns spontan ganz anders verhielten als vorgesehen. Nach dem Spiel standen die Zuschauer noch zusammen mit meinen Eltern und mit Onkel und Tante und freuten sich, nach dem Krieg wieder Familien zu erleben, die nicht nur für sich selbst Weihnachten feierten, sondern auch andere daran teilnehmen ließen.

Wenn ich an meine Weihnachtsfeste denke, die ich als Kind in meiner Familie erlebt habe, dann bestand Weihnachten natürlich nicht nur aus dem Krippenspiel. Am Heiligabend ging mein Vater mit uns spazieren. Da kamen wir an Häusern vorbei, in denen schon Lichter brannten. Andere Häuser waren noch dunkel. Oft lag Schnee. Während wir spazieren gingen, bereitete meine Mutter alles vor. Mein Vater hatte ein Elektrogeschäft. Nach dem Krieg war das Büro in unserer Wohnung, im früheren Wohnzimmer, untergebracht, weil das Büro in der Stadt zerstört worden war. So bestand die erste Arbeit immer darin, das Büro meines Vaters auszuräumen und weihnachtlich herzurichten. Das war nicht immer einfach. Denn die Ordnung, die mein Vater im Büro hatte, war nicht pedantisch, eher kreativ und chaotisch. Aber meine Mutter konnte gut organisieren. Und so gelang es ihr, immer alles so zu verstauen, dass es nach Weihnachten wiedergefunden wurde.

Nach dem Spaziergang mussten wir nach oben gehen in unsere Schlafzimmer und darauf warten, bis meine Mutter mit einem Weihnachtsglöckchen alle in den Raum lockte, in dem uns sofort der Christbaum mit seinen vielen Kerzen faszinierte. Wir konnten es kaum erwarten, bis das Glöckchen erklang. Im weihnachtlich geschmückten Raum versammelten wir uns dann vor dem Christbaum. Mein Vater las das Weihnachtsevangelium vor. Das machte auf uns Kinder immer einen starken Eindruck. Normalerweise las allein der Priester das Evangelium in der Kirche. Aber jetzt las es mein Vater. Und wir Kinder spürten, wie er selbst von diesen Worten berührt wurde. Dann sangen wir gemeinsam "Stille Nacht, heilige Nacht". Als Kinder hatten wir keine Angst, mitzusingen. Meine Mutter führte sicher den Gesang an. So konnten wir uns einfach darauf einlassen, ohne Angst, falsche Töne zu singen. Erst nach dem Lied durften wir dann zu unseren Geschenken gehen, die die Mutter liebevoll eingepackt hatte. Wir packten sie voller Dankbarkeit aus und zeigten einander unsere Geschenke. Nach dem Krieg fielen die Geschenke nicht besonders groß aus. Aber wir waren dankbar und zufrieden.

An eine Szene kann ich mich noch gut erinnern. Meine beiden jüngsten Geschwister waren Mädchen. Die ältere Schwester bekam an Weihnachten eine Puppe mit Haaren. Meine jüngste Schwester aber bekam die alte Puppe der älteren Schwester, aber mit neuen, schönen Kleidern. Doch als sie sie auspackte, warf sie die Puppe spontan in die Ecke. Mein Vater war sehr geduldig. Er hielt meiner Schwester einen Vortrag, wie schön doch diese Puppe sei und wie schön sie angezogen sei. Meine Schwester hörte sich das an. Doch als mein Vater mit seinem Vortrag zu Ende war, warf sie die Puppe wieder in die Ecke. Da musste mein Vater lachen, weil seine jüngste Tochter sich offensichtlich von seinen wohlbedachten Worten nicht beeindrucken ließ. Wir Geschwister waren nicht ärgerlich. Wir hatten unseren Spaß an dieser Szene und spielten dann mit meiner jüngsten Schwester. So vergaß sie ihren Ärger und konnte doch noch gut Weihnachten feiern.

Das Foto zeigt Anselm Grün (mit Stock) mit seinen Geschwistern und Freunden beim Krippenspiel 1948. © privat

Nach unserer Familienfeier ging es dann in die Christmette in die Kirche. Wir freuten uns als Kinder, gemeinsam mit vielen Menschen den stimmungsvollen Gottesdienst mitzuerleben.