Frage: Herr Kreile, haben Sie ein Lieblingsweihnachtslied?

Roderich Kreile: Ja, das habe ich. "Die Nacht ist vorgedrungen".

Frage: Was gefällt Ihnen daran?

Kreile: Ich mag nicht nur die Musik, sondern auch den Text. Das Lied vermittelt eine tiefernste Stimmung, in die aber etwas Licht hinüberfließt. Das spricht mich tief an. Platz zwei teilen sich "Nun kommt der Heiden Heiland" und "Macht hoch die Tür".

Frage: Erinnern Sie sich, wie Sie die Lieder als Kind wahrgenommen haben?

Kreile: Ich habe sie erst kennengelernt, als ich selber im Gottesdienst Orgel spielte. Also etwas später. Im Familienkreis haben wir nur die absoluten Klassiker gesungen.

Frage: Haben Sie zu Hause viel musiziert im Advent?

Kreile: Mein Vater war Sänger, meine Mutter am Staatsopernballett in München. Das war also ein klarer Fall von Prägung. Mein Vater führte unseren Familienchor an, er hatte einen hellen Tenor. Später haben wir uns an Weihnachten kaum noch gesehen, weil am Nachmittag alle in ihre jeweiligen Kirchen verschwunden sind, um dort Orgel zu spielen oder zu singen. Wir trafen uns dann erst nach 23 Uhr wieder.

Frage: Es ist das Los des Musikers, dass er immer dann arbeiten muss, wenn alle anderen freihaben.

Kreile: Richtig. Und wenn alle anderen arbeiten, muss man auch arbeiten.

Frage: Das Lieblingsweihnachtslied der Welt und das von Papst Franziskus ist "Stille Nacht". Warum ist ausgerechnet dieses Lied so populär?

Kreile: Weil es eine Volksfrömmigkeit bedient. Volksfrömmigkeit könnte man als niederes Phänomen abtun, aber "Stille Nacht" hat so eine Melodie, die absolut zu Herzen geht. Sie hat diesen schwingenden Rhythmus. Es gibt große Auf- und Abschwünge. Musikalisch ist das sehr gut gemacht. Der Text allerdings ist unsäglich naiv. Gerade deshalb geht er aber zu Herzen. Man muss darin gar kein religiöses Lied sehen.

Frage: Es wird aber doch vom Jesuskind gesprochen, von Hirten, Engeln und Halleluja.

Kreile: Engel haben wir in allen möglichen Kulturen. "Stille Nacht" bedient einfache Bilder, einfache Sehnsüchte. Dazu kommt, dass es sehr eurozentristisch ist.

Frage: Wie das?

Kreile: Der "holde Knabe im lockigen Haar", den wird es so, wie wir wissen, nicht gegeben haben. Jesus sah anders aus. Mit der realen Welt hat "Stille Nacht" generell gar nichts zu tun.

Frage: "Stille Nacht", ein weltabgewandtes Lied, eskapistisch gar?

Kreile: Es ist eine Sehnsucht in ihm, eine Sehnsucht nach Harmonie, nach Erlösung und Rettung: "Christ, der Retter, ist da!" Bei manchen anderen Advents- und Weihnachtsliedern gibt es schon einen Ausblick auf die österliche Passion. Denn das Leiden ist doch in Christi Geburt schon angelegt. Nichts davon in "Stille Nacht".

Frage: Das Lied ist Ihnen zu harmlos.

Kreile: Es ist ein melodisch gut gemachtes, tief empfundene Sehnsüchte bedienendes Kunstwerk. Ich kann nicht sagen, dass es Kitsch ist. Gut, es grenzt an Kitsch. Diese ganzen Bilder mit dem lockigen Haar ... Ich denke, es bedient Erwartungen, die Menschen haben, in dieser Jahreszeit jedenfalls.

Frage: Wie oft haben Sie es schon dirigiert?

Kreile: Oh. (lacht)

Frage: Dreistellige Zahl?

Kreile: Nein, nicht mal. Wir machen es mit dem Kreuzchor in der Adventszeit ein paarmal, wenn ich meine Zeit hier aufaddiere, denke ich, ich habe es nicht öfter als 60-mal dirigiert.

"'Stille Nacht' ist intim. Man braucht kein großes analytisches Musikverständnis für dieses Stück." © akg-images

Frage: Das reicht ja auch.

Kreile: Jaja, das reicht völlig. Wenn wir in Kirchen im Advent musizieren, nehmen wir es nicht ins Programm hinein, sondern spielen es höchstens als Zugabe. Es hat in einem fein austarierten Programm mit Alten Meistern eigentlich nichts zu suchen. Wir spielen es als Sahnehäubchen. Man kann sich an "Stille Nacht" reiben; ich plädiere dafür, es wie ein Kind in aller Naivität anzunehmen.

Frage: Es strahlt eine Innigkeit und Ruhe aus. Es knallt nicht laut so wie "O du fröhliche".

Kreile: Es ist intim. Bei uns singt es in der Christvesper zunächst nur ein Kruzianer, ein Tenor, zur Gitarrenbegleitung. Vorher bauen wir enorme Klangmassen auf, da wird Weihnachten mit höchstem Prunk gefeiert, und am Schluss kommt "Stille Nacht". Da entsteht schon eine Stimmung des Friedens, vielleicht auch des Verbundenseins mit anderen Menschen. Man braucht kein großes analytisches Musikverständnis für dieses Stück.