Welcher Schriftsteller träumte nicht davon, ein, nein, das Buch über alles zu schreiben? Auch nicht eigentlich über alles, sondern eines, das selbst schon alles wäre, worauf es ankommt; nicht so etwas Banales wie einen Roman, der diese oder jene Geschichte erzählt, sondern eines, das dem Leser wie ein Messer ins Herz fährt – das Buch, durch das alles anders würde? Die meisten freilich trauen sich so was nicht.

Mircea Cărtărescu schon. Er stellt sich ein Jüngstes Gericht vor, in dem die anerkannten Großschriftsteller vor Gott stehen wie die Pharisäer und Schriftgelehrten. Der eine sagt: "Herr, ich habe Krieg und Frieden geschrieben", der Nächste: "Herr, ich habe Der Zauberberg geschrieben, in dem sich die Welt auf ein Kindesopfer stürzt", ein Dritter: "Ich habe Finnegan’s Wake speziell für dich geschrieben, denn niemand sonst kann es lesen." Der Herr winkt müde ab: Er habe diese Bücher alle schon gelesen, ehe sie überhaupt geschrieben waren; und er gebe sogar zu, dass sie den Lesern ein gewisses Vergnügen bereiten. Aber dann wendet er sich zur anderen Seite, wo unterwürfig und in Lumpen gehüllt Kafka, der verrückte Gerichtspräsident Schreber und tausend andere ohne Namen stehen, jene, die mit Blut, Tränen, Adrenalin und Urin geschrieben haben; mit leeren Händen stehen sie da, aber ihre Haut ist tätowiert von oben bis unten. Sie sind es, die Gnade finden vor dem Allmächtigen: Denn nur sie sind die wahren Verfasser des großen Leidensbuchs der Menschheit.

Die Passage trieft von Pathos, Größenwahn, ja Kitsch; aber sie hat was. Hier geht einer aufs Ganze, egal was es kostet. Sogar Gott wird hier als Mittel zu einem Zweck benutzt, der größer ist als er. So groß in der Tat ist dieser Zweck, dass er sich nur stammelnd und in Andeutungen formulieren lässt – genau das, was Cărtărescu auf fast tausend Seiten tut. Der Ich-Erzähler, wie sein Autor 1956 in Rumänien geboren, trägt keinen Namen; das muss so sein, denn er ist die elendste und unglückseligste Kreatur in Bukarest, das an sich schon den melancholischsten Ort im Universum darstellt, noch dazu in den Achtzigern, den letzten Jahren des Ceauşescu-Regimes, wo es außer schimmligem Dosengemüse kaum noch was zu essen gibt und alles katastrophal den Bach runtergeht.

Allerdings verfügt der Held (wenn man ihn doch einmal so nennen will) in seinem merkwürdigen schiffsförmigen Haus über den titelgebenden "Solenoid", ein technisches Monstrum mit viel gewickeltem Kupferdraht nach einem Entwurf von Nikola Tesla, das ihn befähigt, in der Schwerelosigkeit fantastischen Sex mit seiner Kollegin Irina zu erleben. Dieses Ich hat seine Hoffnungen auf eine literarische Karriere frühzeitig begraben, nachdem es beim Vortrag eines epischen Jugendwerks in Grund und Boden gedemütigt worden war. Nun findet es sein miserables Auskommen als Rumänischlehrer in der Bukarester Schule Nr. 86, mit prügelnden Lehrern, stumpfsinnigen und hinterlistigen Schülern und einem Bildnis des geliebten Präsidenten in jedem Klassenzimmer. Er ist kein Schriftsteller, keine dieser verachteten bürgerlichen "Scheherazaden", o nein! Sondern ein existenziell sich windender Wurm, dessen Tagebuchseiten, dem unendlichen Leidensdruck ohne Besinnung und Innehalten entströmt, keines Lesers Auge je schauen wird. Das ist natürlich ein koketter Trick, denn schließlich haben wir diese Seiten, sie sind veröffentlicht (und das auch noch als "Roman"); doch er erweist sich für das uferlose Projekt als unentbehrlich und darum letztlich als legitim.

Nur solche vorgetäuschte Unmittelbarkeit nämlich ermöglicht die charakteristische Form des Buchs. Zwei Schlüsselsätze finden sich an unscheinbarer Stelle und weit voneinander getrennt: "Für ein Kind ist nichts seltsam, denn es lebt im Seltsamen (...)" und: "Im Traum ist nichts magisch, magisch ist allein der Traum selbst." Solche Magie hat nichts zu tun mit dem Magischen Realismus, der dem Leser sogar das Werk eines Autors wie García Márquez vergällen kann: als isoliertes Kunststück in einem ansonsten wirklichkeitstreu entworfenen Ambiente.

Sie liefert vielmehr die Voraussetzung, dass alles Vorhandene sich aus seinen Gelenken löst und zu verflüssigen beginnt. Das scheinbar Feste verwandelt sich in dahinfließendes Gefühl, einmalig, unvergleichlich, wie eben für das Kind und im Traum. Das stellt hohe, eigenwillige Anforderungen an das Schreiben: Alles muss wirken, als erstattete es nur notdürftigen Bericht von einem sich immer entziehenden Erlebnis – und doch zugleich präzise treffen. Daran, dass es diesem paradoxen Doppel-Anspruch standhält, entscheidet sich das Schicksal von Cărtărescus Buch. (Von einem Glücken mag man nicht sprechen, denn glücken könnte nur, was eine Beschränkung in sich trägt.) Man lese zum Beispiel das Folgende: "Die menschliche Stimme ist Gedanke, der durch das Fleisch zieht. Sie ist ein abstrakter Strom, wie ein geschmolzener Kristall, der zwischen Häutchen und feuchtem Knorpelgewebe hindurchzieht, von den Schmiermitteln des artikulatorischen Kanals, Schleim und Speichel eingedunkelt, von dem wie ein Muschelbein aussehenden Zungenmuskel geknetet wird und dann zwischen den Zähnen und Lippen austritt. Die Stimme ist sexuell, sie kommt aus den Eierstöcken und Testikeln, sie ist dominierend oder unterwürfig, sie ist ganz und gar vom klebrigen Körper verschmiert, von der Materie dieser Welt, die Milliarden unterschiedlicher Festigkeiten kennt."