Wieder einmal wollte das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) Geschichte schreiben. "Ganz Deutschland" solle sich "zum zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich gegen die AfD" versammeln, verkündete die Gruppe in einem ihrer Videoclips, die in pathetischer History-Channel-Ästhetik ihre Aktionen bewerben. Die Überreste ermordeter Juden, ausgegraben aus dem Boden um Auschwitz und anderen KZs, präsentiert in einer Aschesäule vor dem Reichstag, sollte die CDU daran gemahnen, nicht mit der AfD zu koalieren. Die Aktivisten hielten dies für eine tolle Idee. Jüdische Verbände sahen das anders. Die Aschesäule sei "problematisch", weil sie "gegen das jüdische Religionsgesetz der Totenruhe verstößt", so der Zentralrat der Juden. Und das war eine der höflicheren Reaktionen.

Die orthodoxe Rabbinerkonferenz, die die Aktion als pietätlos verurteilte, hat die Asche aus der Säule entgegengenommen und bestattet. Bis diesen Donnerstag muss das Mahnmal abgebaut werden. "Wir haben Fehler gemacht", gab das ZPS zu. Fehler? Dass eine Gruppe, die ihre Aktionen so minutiös plant, einfach vergisst, jüdische Stimmen zu konsultieren, bevor sie sich zum moralischen Grabverwalter aller Holocaust-Opfer aufschwingt – das ist ihr nicht einfach so unterlaufen. Diese Nachlässigkeit hat etwas mit der Selbstbesoffenheit zu tun, die das ZPS vom ersten Tag an geprägt hat.

Dabei ist die Drastik ihrer Aktionen nicht das Problem. Mit drastischen Mitteln auf schreckliche Verhältnisse hinzuweisen ist in der politischen Kunst legitim. Das Problem ist die Ideologie der Gruppe, gern als "aggressiver Humanismus" tituliert.

Das Zentrum für Politische Schönheit nennt sich – ohne jede Ironie – "Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit". Wer so tickt, der muss keine Rücksprache mit der Zivilgesellschaft halten; der erhält seinen Auftrag direkt aus der Geschichte. Für zivilgesellschaftliche Kleinteiligkeit hat das ZPS eh nur Verachtung übrig. "Während die Mitglieder der Menschenrechtsorganisationen brav Beiträge bezahlen, Schiffchen falten und Geschenkartikel bestellen, wird das Zeugnis ihrer Untätigkeit vom Meer angeschwemmt", ätzte ihr Spiritus Rector Philipp Ruch in einem Vortrag gegen Amnesty International.

Das ZPS kann das Sterben im Mittelmeer nicht verhindern – aber immerhin kann es in inszenierten Machtproben seine Heldenhaftigkeit unter Beweis stellen und den Gegner blamieren. Schließlich ist es nach eigenen Worten eine "Ideen-, Gefühls- und Handlungsschmiede für Menschen, die umtreibt, wie sie etwas Schönes und Großes tun können".

Fast alle Aktionen der Gruppe sind Bestrafungs- und Machtfantasien: Sie inszeniert das Outing einer Waffenhändlerfamilie als "Großfahndung". Sie nennt sich "Soko Chemnitz" und sammelt Hinweise zur Identität von Teilnehmern extrem rechter Demos nach dem Motto "systematisch identifizieren, erfassen und unschädlich machen"; oder sie tituliert sich als "zivilgesellschaftlicher Verfassungsschutz", wenn sie den AfD-Politiker Björn Höcke observiert. Kurzum, das ZPS präsentiert sich als die bessere Staatsmacht, die kurzen Prozess macht: mit Menschheitsverbrechern und Nazis, mit den Verantwortlichen für Genozide und das Flüchtlingssterben.

Das ist gruselig, weil es der "Wir werden sie jagen"-Logik von AfD-Bundestagsfraktionschef Alexander Gauland nichts entgegensetzt, sondern sie nachäfft. Sehr zu Recht nennt ausgerechnet die linke Zeitschrift konkret das Zentrum für Politische Schönheit daher eine "reaktionäre Klamauktruppe". Wenn man den Klamauk ernst nimmt, dann träumt das ZPS von einer Diktatur der Anständigen, in der nach windigen Kategorien wie "Großgesinntheit" oder "Menschlichkeit" geurteilt wird. Will man da leben?

Nein, danke! Ein Humanismus, der selbstbesoffen im Vollrausch richtet, ist keiner. Dass den Aktivisten ihre jüngste Aktion auf die Füße gefallen ist, ist durchaus erfreulich. Es zeigt: Der Holocaust lässt sich nicht instrumentalisieren, auch nicht von Leuten, die sich moralisch für unwiderstehlich halten.