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Die Teilnehmer einer Sonderrunde auf dem jüngsten Nato-Gipfel benannte Präsident Erdoğan wie folgt: "England, Deutschland, Frankreich und meine Person hielten einen Vierer-Gipfel ab." Die Formulierung, mit der Erdoğan sich und sein Land in eins setzte, löste eine Welle von Scherzen in den sozialen Medien aus. In der Türkei allgemein wächst der Unmut darüber, dass Parlament, Justiz, Wirtschaft, Bildung, Diplomatie, kurz die gesamte Macht sich in der Hand einer einzigen Person konzentrieren. Diesbezügliche Kritik von Sozialdemokraten, Kurden, Linken ist Erdoğan gewohnt und wehrt sie mühelos ab. Seit letzter Woche aber stehen Konkurrenten in der politischen Arena, die ihn in Bedrängnis bringen dürften. Diesmal handelt es sich nicht um Kurden, die er einsperren und zum Schweigen bringen, Linke, die er mit Druck niedermachen, Sozialdemokraten, die er mit dem Vorwurf mangelnden Nationalgefühls auf seine Seite ziehen könnte, sondern um Gefährten, mit denen er seine Partei gegründet und jahrelang zusammengearbeitet hatte: einen Altpräsidenten, einen Ex-Premier und einen ehemaliger Vize-Premierminister.

Der ehemalige Premier Ahmet Davutoğlu hisste letzten Freitag die Flagge seiner neuen Partei. Seit Regierungsantritt der AKP war Davutoğlu Erdoğans außenpolitischer Berater, 2009 bis 2014 dann Außenminister und 2014 bis 2016 Ministerpräsident und Parteivorsitzender. Als sich seine und Erdoğans Wege 2016 trennten, zog er sich eine Weile zurück, jetzt gründete er die "Partei der Zukunft".

Ebenfalls kurz vor dem Auftritt als Konkurrent steht Ali Babacan, auch er AKP-Gründungsmitglied, 2002 bis 2011 Staatsminister für Wirtschaft, kurzzeitig Außenminister. Bis 2015 fungierte er zudem als Premier und somit Erdoğans Stellvertreter. Als Erdoğan sich zum Alleinherrscher aufschwang, schmollte er zunächst, bevor er die Gründung einer neuen Partei ankündigte. Babacan wird von Abdullah Gül unterstützt, dem Altpräsidenten und einem weiteren AKP-Schwergewicht.

Für Erdoğan bergen diese Namen zwei Probleme: Sie entstammen derselben Basis und richten sich auch an ebendiese. Sie kennen Erdoğans Taktiken wie auch seine Geheimnisse, zudem verfügen sie über das Zeug, die Kräftebalance in der Politik deutlich zu verschieben. Jüngste Umfragen verorten den Regierungsblock bei 35 Prozent, den der Opposition bei rund 30. Die restlichen 35 Prozent bilden größtenteils Unentschlossene, die des Ein-Mann-Regimes und der Regierungspartei überdrüssig sind. Um Präsident zu bleiben, braucht Erdoğan 51 Prozent der Stimmen. Gelingt es ihm nicht, die Hälfte der Unentschlossenen für sich zu gewinnen, hat er ein Problem. Jede Stimme, die die beiden neuen Parteien der Regierung abjagen, geht als Plus an die Opposition.

Erdoğan weiß darum und blies letzte Woche zur Kampagne gegen seine ehemaligen Gefährten und jetzigen Widersacher. Babacan schwieg dazu, doch Davutoğlu forderte eine Offenlegung der Vermögensverhältnisse aller Politiker, auch der Erdoğans. Wer um die Nähe der beiden weiß, sieht darin eine Herausforderung zum Duell. Zudem steht eine ähnliche Forderung derzeit auf der Agenda des US-Senats, der Sanktionen gegen die Türkei plant.

Nach 17 AKP-Regierungsjahren bemüht sich die Türkei zu beweisen, dass sie mehr ist als "die Person" Erdoğan. Jetzt schließen sich diesem Bestreben auch die Mitbegründer des "Ein-Mann-Kultes" an.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe