Wenn Kim Sung Won über seinen künftigen Arbeitsplatz spricht, kann er nicht anders, als in Vorfreude zu lächeln. "Das Krankenhaus wird richtig digital", sagt der Radiologe. Noch sitzt er im Konferenzsaal eines herkömmlichen Spitals, träumt aber bereits von den nächsten Schritten: "Bald könnten wir einen intelligenten Computertomografen haben, der nicht nur scannt, sondern sofort eine Diagnose stellt. Oder ein ebenso smartes EKG. Oder ein Diktiersystem, das die Befunde der Ärzte gleich transkribiert."

Bisher gibt es das alles nicht, aber hier, in Südkoreas Hauptstadt Seoul, könnte es bald so weit sein. Das Yonsei University Health System, Kim Sung Wons Arbeitgeber, baut gerade an einem Krankenhaus der nächsten Generation. Im Februar soll es eröffnen. Der Grund für die Vorfreude unter Kim und seinen Kollegen ist der neue Internetstandard 5G, der im Frühjahr weltweit erstmals in Südkorea freigeschaltet wurde. Damit soll nicht nur schnelleres Videostreaming oder autonomes Fahren unterstützt werden. Auch das Gesundheitswesen hegt große Hoffnungen.

"5G wird sämtliche Lebensbereiche revolutionieren", versprach im November Choi Woo Hyuk von Südkoreas Ministerium für Wissenschaft und Informationstechnologie. Auf der Invest Korea Week, einer Konferenz, mit der sich Südkorea für Investoren aus dem Ausland anpreist, benutzte Choi die neue Mobilfunkgeneration gegenüber seinem internationalen Publikum als Hauptverkaufsargument. Mit 5G soll die Geschwindigkeit von Datenübertragungen zehnmal so schnell sein wie in bisherigen 4G-Netzen; die gelegentlich noch spürbaren Verzögerungen zwischen der Dateneingabe in ein System und der gewünschten Ausgabe reduzieren sich auf weniger als eine Millisekunde; und zehnmal so viele Geräte können mit dem Netz verbunden werden. Der Beamte Choi Woo Hyuk versprach: "Es ist der Kern des künftigen Wachstums von Südkorea."

Das neue Yongin Severance Hospital der privaten Yonsei University, das in Zusammenarbeit mit dem Konzern SK Telecom im Ort Yongin südlich von Seoul gebaut wird, wird für diesen technologischen Fortschritt stehen. Besonders prominent, und in der koreanischen Presse schon breit diskutiert, ist die Aussicht auf virtuelle Krankenbesuche. Wenn Angehörige dem Patienten Kraft spenden wollen, aber nicht physisch anwesend sein können, lassen sie sich künftig einfach per Datenleitung als virtuelle 3-D-Kopie in das Krankenzimmer übertragen. Der Patient kann bewegte Projektionen seiner Besucher dann durch eine Augmented-Reality-Brille im Raum betrachten. Der körperlich abwesende Besucher wiederum kann sich über Kameras im Krankenzimmer umschauen.

"Für unsere Patienten wird es ein ganz neues Gefühl sein, einen fernen Angehörigen oder Freund in 3-D und Echtzeit direkt vor sich sehen und sprechen zu können. Vor allem diejenigen, die in Quarantäne untergebracht sind, wird das beruhigen", sagt der ausgebildete Psychiater Park Jin Young, der die Planung des neuen Krankenhauses begleitet hat. Auch werden bettlägerige Patienten durch verbale Eingaben ins Stimmenerkennungssystem Nugu, das koreanische Äquivalent zum US-amerikanischen Alexa, Licht und Temperatur im Raum regulieren sowie Pflegekräfte rufen können.

Aber auch die Ärzte sollen im Hightech-Krankenhaus ganz neue Möglichkeiten für ihre Arbeit bekommen: Am Operationstisch könnte ein Durchbruch aus medizinischer Sicht bevorstehen. "Ferngesteuerte Chirurgie ist prinzipiell schon möglich", sagt Park Jin Young. Seit einigen Jahren werden Roboter und fernsteuerbare Geräte in der Chirurgie eingesetzt. Ein Beispiel ist der von dem US-amerikanischen Medizintechnikbetrieb Intuitive Surgical entwickelte Roboter Da Vinci, mit dem Chirurgen etwa an der Uni Düsseldorf urologische Eingriffe durchführen. Allerdings werden die vier hochpräzisen Arme direkt durch die Hände der Ärzte kontrolliert. Bei Tele-Operationen könnte es indes zu problematischen Verzögerungen kommen, wenn die Steuersignale zu lange unterwegs sind. "Wenn wir mit unverzögerter Datenübertragung und einer hohen Übertragungskapazität Geräte drahtlos ans Netz anschließen, könnten wir die OP-Geräte fernsteuern und so eine OP durchführen, ohne dabei physisch anwesend zu sein." Aber wann das erste Organ per Fernbedienung transplantiert wird, wagt Park nicht zu prognostizieren.

Und es gibt nicht nur technische Herausforderungen. Um chirurgische Eingriffe digital aus der Ferne steuern zu können, braucht das Land auch rechtliche Änderungen. "In Südkorea muss während einer OP immer ein Chirurg im Raum sein", sagt Park Jin Young. Eine Regel, die durchaus sinnvoll erscheint, solange es für Überwachungen, Anweisungen und Handgriffe aus der Distanz an der zuverlässigen Datenübertragung mangelt. Auf lange Sicht könnte diese Kontrolle aber überflüssig werden. "Wir diskutieren das Thema im Moment mit der Regierung."

Sofort möglich sein wird dagegen die Überwachung einer Operation durch einen weiteren Chirurgen per Video. Im Prinzip geht das auch schon mit 4G, aber praktikabel wird es erst durch den blitzschnellen 5G-Standard. Über eine weitere Neuerung, die ab Februar 2020 verfügbar sein soll, freut sich der Arzt Kim Sung Won: "Die Krankenzimmer werden mit Sensoren ausgestattet sein, die das Personal über auffällige Bewegungen oder Stürze der Patienten informiert. So werden wir viel schneller und adäquater auf Veränderungen der Situation reagieren können."

Und wenn der Strom ausfällt oder das Netz zusammenbricht? Die Ärzte Kim und Park zucken mit den Schultern. Das wäre ja auch bei herkömmlichen Krankenhäusern schon ein Problem. Und die regelmäßigen Visiten würden ohnehin nie abgeschafft. Schon weil sich Patienten sonst von lauter Technologie umzingelt und alleingelassen fühlen würden.