Es gibt eine Lücke! Keine überraschende Nachricht in diesen Tagen. Ständig tun sich irgendwo Lücken auf: Wenn ein Kind zur Welt kommt, fehlen Hebammen. Wenn Eltern eine Kita für den Nachwuchs suchen, fehlen Erzieher. Wenn die Kinder in die erste Klasse kommen, fehlen Lehrer – und für Eltern fast noch schlimmer: Es fehlt an Betreuung, sobald die Schule nach vier Stunden aus ist.

"Wenn der Spagat aus Familien- und Berufsleben gelingen soll, braucht es mehr gute Betreuungsmöglichkeiten für Grundschulkinder, auch über den Mittag hinaus", heißt es im Bundesfamilienministerium von Franziska Giffey (SPD). Zusammen mit ihrer Kollegin Anja Karliczek (CDU) aus dem Bildungsministerium hat sie für 2025 einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder angekündigt. Interessant ist an dieser Formulierung: Es geht um Betreuung, nicht um Bildung. Es ist ein Versprechen auf kontrolliertes Spielen und Basteln unter Aufsicht. Nicht auf schulische Förderung.

Da reibt sich die Augen, wer noch weiß, mit welch hehren Zielen der Ausbau der Ganztagsschulen einst begonnen hat. Mehr Chancengerechtigkeit!, hieß es im Jahr 2003. Kinder sollten nicht nur weggeholt werden von ihren Playstations und Killerspielen. Sie sollten nachmittags verstehen, was im Unterricht nicht zu verstehen war, oder lesen lernen, das Einmaleins üben, beim Hausaufgabenmachen um Rat fragen können. Die Ganztagsschule war eine Verheißung, sie versprach mehr Lernzeit, mehr individuelle Zuwendung für jeden Einzelnen. Ein Experiment voller Hoffnung und voller Fragen: Werden die Schüler motivierter, klüger, durch das Miteinander sozialer? Werden Lehrer und Erzieher ein Team, multiprofessionell, wie es uns die Finnen vormachen? Ein Team, das jeden Schüler im Blick hat, sich kümmert – und das Kunststück wagt, Unterricht und Spielzeit zu einer neuen Schulform zu verzahnen.

Die vom Bildungsministerium geförderte Studie zur Entwicklung der Ganztagsschule (Steg) hat 15 Jahre lang diese Fragen untersucht. Nun wurde bekannt, dass die Forschung zum Jahresende auslaufen wird. Ausgerechnet jetzt, da die Politik die Ganztagsschule ausbaut, lässt sie die Wissenschaft nicht mehr hinschauen.

Liegt das aktuelle Desinteresse an den eher nüchternen Ergebnissen von Steg? Ein Nachweis positiver Wirkungen der Ganztagsschule fiel den Forschern bis zum Schluss schwer. Zwar weiß man, dass Kinder seltener sitzen bleiben, sich Noten, Sozialkompetenz und Resilienz verbessern – allerdings nur dann, wenn die Angebote am Nachmittag von hoher pädagogischer Qualität sind. In Teilstudien beobachteten die Forscher ebenso, dass sich Selbstkonzept, Motivation und Lernfreude in der Ganztagsschule auch genauso gut verschlechtern können. Wovon hängt das ab? Welche Faktoren unterstützen die Entwicklung von Kindern? Bis heute fehlen einheitliche Standards für die Ganztagsschule; übergeordnete pädagogische Ziele gibt es nicht. Jede einzelne Schule entscheidet, ob es am Nachmittag Zirkus, Fußball, Tanzen, Zaubern oder vielleicht doch eine Stunde Leseförderung für die Schwachen gibt. Aus einer Umfrage unter Schulleitern weiß man, dass "eine Erweiterung der Lernkultur" für viele Pädagogen kein Ziel des Ganztagskonzeptes ist. Übersetzt: Den meisten Lehrern ist es wurscht, was ihre Schüler am Nachmittag machen, sie sind da längst zu Hause. Bildungsforscher sollten dringend herausfinden, wie sich das ändern ließe.

Der Ausbau der Ganztagsschule bis 2025 kostet laut Deutschem Jugendinstitut 5,3 Milliarden Euro; die Regierung veranschlagt lediglich zwei Milliarden. Was davon an die Forschung geht, wird auch die Frage entscheiden, was in Zukunft untersucht werden soll: die Qualität der Aufbewahrung – oder die Effekte der Ganztagsschule auf das Lernen? Wer nur die Betreuungslücke schließt, hält die Bildungslücke offen.