DIE ZEIT: Herr Schröder, Leistung und Lebensgenuss sind für Sie kein Widerspruch, aber Glück geht Ihnen vor Geld. Stimmt’s oder hab ich recht?

Martin Schröder: Sie können gar nicht unrecht haben. Das ist so präzise wie ein Horoskop, in dem es schwammig heißt: "Sie sind meistens ein sehr zielgerichteter Mensch, aber manchmal gehen Sie auch einen interessanten Umweg." Da denkt sich auch jeder: Och ja, das passt schon irgendwie auf mich.

ZEIT: Bei Ihnen ist das so interessant, weil Sie 1981 geboren und damit ein ganz früher Vertreter der Generation Y sind, der man unter anderem diese Einstellung nachsagt. Wären Sie nur zwei Jahre früher zur Welt gekommen, wären Sie ein Vertreter der Generation X gewesen – eher konsumorientiert und desinteressiert am Gemeinwohl.

Schröder: Das illustriert doch genau das Problem! Warum soll es zwischen den Generationen so scharfe Brüche geben, und dann noch alle 15 Jahre aufs Neue? Denn so oft wird regelmäßig eine neue Generation ausgerufen.

ZEIT: Teenager demonstrieren heute zu Zigtausenden für den Klimaschutz. Ist das denn nicht etwas, das junge Menschen vereint?

Schröder: Ich kann mir immer nur die Vergangenheit anschauen. Die aktuellsten Daten stammen von 2017, vielleicht hat sich seither wirklich etwas geändert. Das wissen wir aber noch nicht. Entscheidend ist immer, ob während der prägenden Phase im Leben von Menschen ...

ZEIT: ... also im Alter zwischen 15 und 25 Jahren ...

Schröder: ... etwas Einschneidendes passiert, das sie betrifft, Jüngere oder Ältere aber nicht. In diesem Fall können sie Einstellungen entwickeln, die sie ihr Leben lang beibehalten. Dann könnte man von einer Generation sprechen. Aber auch nur dann.

ZEIT: Können Sie das etwas konkreter machen?

Schröder: Es muss sich schon um ein sehr drastisches Ereignis handeln. Viele der kurz vor 1900 Geborenen mussten beispielsweise im Ersten Weltkrieg kämpfen und dürften von dieser Erfahrung für den Rest ihres Lebens geprägt worden sein. Aber in den 1990er-, 2000er- oder 2010er-Jahren ist nichts vergleichbar Dramatisches passiert. Trotzdem gilt es heute angeblich schon als Merkmal einer ganzen Generation, dass diese WhatsApp statt SMS benutzt oder mitbekommen hat, wie die Estonia-Fähre untergegangen ist. Aber es prägt doch kein Leben, nur weil jemand seine Musik bei Spotify hört statt als MP3-File.

ZEIT: Aber ist der Klimawandel damit verglichen nicht eine ganz andere Kategorie?

Schröder: Möglich, aber wir wissen es nicht. Vielleicht sorgen sich die heute 15-Jährigen wirklich so stark um die Zukunft der Welt, dass sie ihre Einstellungen lebenslang und nicht nur vorübergehend ändern. Das wird man allerdings erst in einigen Jahrzehnten feststellen können.

ZEIT: Wie kann man Einstellungen denn messen?

Schröder: Anfang der Achtzigerjahre haben Wissenschaftler damit begonnen, einer Reihe von Menschen regelmäßig und wiederkehrend dieselben Fragen zu stellen: Worüber machen sie sich Sorgen, was ist ihnen wichtig, was wünschen sie sich – und so weiter. Über den Lauf der Jahrzehnte verraten diese gesammelten Daten, was Menschen sagen und wie das mit ihrem Geburtsdatum zusammenhängt. Wenn es wirklich so viele klar abgrenzbare Generationen geben würde, müssten einige Geburtsjahrgänge Einstellungen aufweisen, die sich von denen anderer Jahrgänge unterscheiden, und die außerdem ihr Leben lang beibehalten werden. Das zeigen die Daten aber gerade nicht.

ZEIT: Sie kritisieren, dass der Generationenbegriff alle paar Jahre neu besetzt wird?

Schröder: Ich habe mal einen Vortrag vor Führungskräften von Unternehmen gehalten. Ich dachte, wenn es die Generationen Y, Z oder was auch immer gibt, dann können die mir das bestätigen. Vielleicht mir auch zeigen, dass ich mit meinen Daten einfach unrecht habe.