Heute kam kein Fisch. Ausgerechnet. "Warste nicht angeln?", ruft Holger Stanislawski dem Verkäufer zu. Eigentlich sollte die Frischfischtheke der Höhepunkt dieser kleinen Rundtour durch seinen Laden werden. Stanislawski läuft weiter, zum Glück kommt schnell die Käseabteilung, die viel zu bieten hat: 350 Sorten könne man dort kaufen, sagt er. Und erst die Getränke: Bier aus Bayern, Russland und Neuseeland. Nur das mit den Sixpacks war keine so gute Idee. Seit man so viele davon verkaufe, gingen weniger Leute in den dazugehörigen Getränkemarkt, merkt ein Mitarbeiter an. Stanislawski seufzt. Aber nur ganz kurz und ganz leise. Irgendwas ist immer.

Holger Stanislawski, 184 Zentimeter groß, Jahrgang 1969, 18 Jahre als Spieler, Trainer und Manager beim FC St. Pauli, ist eben nicht nur Kultfigur, sondern auch Herr über einen 7400 Quadratmeter großen Rewe-Markt in Winterhude, zuständig für 60.000 Produkte, Umbauten, Presse und Promis – Lotto King Karl kauft bei ihm ein, Oliver Geissen auch. Und: Stanislawski ist der gegenwärtig wohl bekannteste Kandidat für das Plenum der Hamburger Handelskammer, das Parlament der Wirtschaft. Wahlgruppe III, Einzelhandel, mittelgroße Unternehmen: 125 Leute arbeiten in Stanislawskis Supermarkt. Erlebnismarkt nennt Stanislawski ihn.

Der Erlebnismarkt ist ein ziemlich anstrengendes Geschäft, schließlich ist Stanislawski selbst das Erlebnis. Ob Single-Shopping oder Weinabend, Stanislawski ist dabei. Obwohl er eigentlich nicht trinkt, und wenn, dann Whisky-Cola. Immer wieder kommen Fans in den Markt, die nicht einkaufen, sondern ein Autogramm wollen. Außerdem kann man Stanislawski als Redner buchen. Thema: Was Wirtschaft vom Fußball lernen kann. Erst kürzlich sprach er bei einem Baumarktverband und hat dafür einen Baumarkt-Gutschein über 3000 Euro bekommen, den er nun dem Tierheim in Henstedt-Ulzburg schenkt. Dann erzählt Stanislawski, dass erst vor einigen Tagen wieder ein Zweitligist bei ihm angefragt habe. Ob er sich vorstellen könne, dort als Trainer zu arbeiten. Konnte er nicht. Schließlich gibt es Pläne für einen zweiten Supermarkt. Außerdem ist da noch das ZDF. Gerade laufen die Verhandlungen, ob Stanislawski bei der Fußballeuropameisterschaft im nächsten Jahr wieder als Experte dabei ist. Manchmal, sagt Stanislawski, finde er es geradezu erdend, in einem polnischen Tierheim neue Hundehütten zu bauen, so wie vor Kurzem. Er habe außerdem einen Truck dazu organisiert, mit Decken und zwölf Tonnen Futter.

Wer Stanislawski so reden hört, fragt sich, wie dieser Mann das alles schafft. Aber vor allem, warum er sich jetzt noch viel mehr aufhalsen will, mehr Arbeit und: mehr Ärger.

Der Job in der Handelskammer ist ein Ehrenamt; eines, das es in sich hat. Zumindest in Hamburg. Bis vor knapp drei Jahren war die mehr als dreieinhalb Jahrhunderte alte Handelskammer stets eine mächtige Wirtschaftsvertretung gewesen, aber auch gefangen in alten Ritualen. Transparenz, Sparsamkeit oder Selbstkritik gehörte nicht zu den Tugenden der Kammer. Das störte viele Unternehmer. Vor allem weil man aus der Kammer nicht austreten kann, Mitgliedschaft und Beiträge sind verpflichtend. Damit begann die Rebellion.

Anfang 2017 gewann eine Gruppe von Unternehmern mit dem Namen "Die Kammer sind wir" 55 von 58 Sitzen im Plenum. Rebellen wurden sie genannt. Ihr waghalsiges Versprechen: Wir schaffen die Beiträge ab. Ein Ding der Unmöglichkeit, wie schnell klar wurde, und mit dem gemeinsamen Ziel schwand der Zusammenhalt. Seitdem wird in der Handelskammer mehr gestritten als gehandelt. Über Geld, Posten und Positionen, sogar über die Marke des gereichten Mineralwassers.

Heute ist die Kammer ein fragiles Provisorium mit einem kommissarischen Präses, einem Interimsgeschäftsführer, einer auf halber Strecke stecken gebliebenen Strukturreform und einem Plenum, in dem zuletzt mehr Mitglieder ab- als anwesend waren. Man könnte es auch so formulieren: Die Hamburger Handelskammer ist aus der Bundes- in die Regionalliga abgestiegen, und es gibt kaum einen Grund, in diesem Verein freiwillig mitzuspielen.

"Wer in dieser Stadt lebt, hat auch eine gewisse Verpflichtung, etwas zu tun", sagt Stanislawski. Er sitzt jetzt an seinem wenig aufgeräumten Schreibtisch. Von seinem Büro aus kann er den ganzen Markt überblicken, die Mitarbeiter sehen – und sie ihn. Es sei gut, sich ab und an mal am Fenster zu zeigen, findet Stanislawski. "Dann suchen sich alle ganz schnell was zu arbeiten." Wenig später macht er sich eine zweite Tasse Kapselkaffee, zündet eine Marlboro an und wechselt vom Unternehmer- in den Fußballerjargon: "Die Beiträge abschaffen, das ist der größte Schwachsinn, den ich je gehört habe. Damit kannste nicht rausgehen."

Deshalb hat Stanislawski sich dem Unternehmerbündnis "Starke Wirtschaft" angeschlossen. Es hat sich vorgenommen, die Kammer zu ihrer alten Macht zurückzuführen, und will grob gesagt alles, was die Rebellen nicht wollen. Der inoffizielle Claim: "Wir sind zu 100 Prozent rebellenfrei."