An einem späten Novemberabend klingelt es an Heinrich Traues Wohnungstür. Draußen steht ein Paketbote und überreicht dem Rentner einen Karton. Es ist der 26. November 2016, und der damals 64 Jahre alte Traue ahnt nicht, dass damit ein Terror beginnt, der ihn über Jahre hinweg nicht loslassen wird. In dem Paket befinden sich blau-weiße Sportschuhe Größe 42. Doch er hat dieses Paket nicht bestellt und glaubt an eine Verwechslung. Traue schickt die Schuhe zurück an den Absender.

Nur wenige Tage darauf, am 6. Dezember, erhält Traue eine Rechnung: Das Sankt-Elisabeth-Hospital in Gütersloh verlangt 90 Euro, wegen Anrufen bei Sex-Hotlines und diversen Versandhäusern. Unzählige Telefonate soll Traue während eines Klinikaufenthaltes Ende November geführt haben. Wenige Tage später schickt ihm das Krankenhaus die nächste Rechnung: 3522,79 Euro für Behandlungen und Unterbringung in einem Zweibettzimmer. Am folgenden Tag geht er zur Polizei und erstattet Anzeige.

Denn Traue hat nie in dem Krankenhaus gelegen. Er hat sich dort weder behandeln lassen noch Telefonate geführt. Tatsächlich befand er sich nachweisbar in einer anderen Klinik. Trotzdem stehen auf den Rechnungen sein Name, seine Adresse und sein Geburtsdatum. Was Traue damals noch nicht weiß: Ein Betrüger hat seine Identität gestohlen, um damit ein Leben fernab jeder Kontrolle zu führen. Der Mann wird mehr als zwei Jahre lang mithilfe von Traues Namen unerkannt durch die Republik reisen und betrügen – ohne dass Traue sich wirklich wehren kann.

Fast drei Jahre später, im Oktober 2019, sitzt Heinrich Traue in seiner Wohnung in Minden und zündet sich eine Zigarette an. Er sagt: "Ich bin noch immer vollkommen fertig, ich will endlich wissen: Warum hat er mir das angetan?" Traue hockt auf einem Sofa in seiner Dachgeschosswohnung. Ein drahtiger Mann mit weißem, gescheiteltem Haar.

Während er erzählt, sinkt er immer weiter in sich zusammen. Mit seltsam krummen Fingern greift er nach einer Plastikflasche Bier und nimmt ein paar Schlucke. Vor fünf Jahren haben Ärzte bei ihm schweres Rheuma diagnostiziert, die Krankheit verformt seine Glieder. Er sagt, wegen der Gelenkschmerzen könne er kaum noch etwas greifen. Vor fünf Jahren hatte der Lkw-Fahrer Frührente beantragen müssen. Dann erkrankte seine Mutter, und Traue zog zurück in seine Geburtsstadt Minden. Er sagt: "Erst ist meine Frau gestorben, dann kam das Rheuma. Jetzt wohne ich in einer Stadt, in der ich fast niemanden kenne, und bekomme kaum Rente. Mir ging es schon beschissen, als die Sache mit den Rechnungen losging – aber dann wurde es erst richtig schlimm."

Denn im Dezember 2016 landen immer weitere Zahlungsforderungen in seinem Briefkasten. Drei Tage im Sankt-Franziskus-Hospital Bielefeld, Chefarztbehandlung, Zweibettzimmer, Kosten: 1974 Euro. Eine schwarze Reisetasche vom Versandhaus Promondo, Kosten: 55,86 Euro. Eine radiologische Untersuchung, Kosten: 40,33 Euro. Mehrmals in der Woche lässt der Betrüger Rechnungen auf Traues Namen ausstellen, sie zeichnen eine Spur, die kreuz und quer durch Nordrhein-Westfalen führt.

Von Bielefeld aus reist der Unbekannte nach Wuppertal. Ende Dezember lässt er sich dort mit einem Krankenwagen ins Universitätsklinikum bringen und vier Tage lang behandeln, wieder unter Traues Namen. Er taucht in einem Leverkusener Krankenhaus auf und in einer Klinik in Remscheid. Auf mehr als 40.000 Euro belaufen sich die Zahlungsforderungen nach den ersten fünf Monaten. Die Rechnungen erreichen Traue erst, wenn der Identitätsräuber längst weitergezogen ist.

In den folgenden Monaten scheint der Betrüger auszuprobieren, was er sich alles mit Traues Identität erschleichen kann. Im Januar 2017 erhält Traue einen Brief von einer Bank in der Schweiz. Darin steht, sein online beantragter Kredit sei nun bewilligt worden. Im Februar meldet sich das Standesamt Dörverden, vor dem Traue getraut worden war. Er solle bitte die Rechnung über zehn Euro zahlen, damit die Kopie seiner Eheurkunde verschickt werden könne. Wenig später erhält er die Rechnung über einen Handyvertrag und mehrere Zahlungsforderungen von Inkassounternehmen. Im März erklärt die Schufa in einem Schreiben, dass er nun nicht mehr kreditwürdig sei. Immer wieder muss Traue zurückrufen, sich erklären, beweisen, dass die Rechnungen den Falschen erreichen und er die Waren nicht bestellt hat. Und es ist unendlich mühsam, die Mahnverfahren zu stoppen. Warum sollen die Firmen und Ämter jemandem glauben, der sagt: Ich bin das nicht.

Er stiehlt eine Telefonkarte: Es ist die Tat eines Mannes, der jeden Cent brauchen kann

Der Missbrauch einer fremden Identität ist in Deutschland denkbar einfach. Beim Kauf auf Rechnung müssen die Betrüger nur den Nachnamen und die Adresse ihres Opfers kennen. Oft suchen sich Banden dafür Menschen aus, die selten zu Hause sind. Wird das Paket dann bei einem Nachbarn abgeliefert, geben sich die Betrüger als Bekannte des Adressaten aus und lassen sich die Waren aushändigen. In Nordrhein-Westfalen wurden im Jahr 2018 allein 69.000 Fälle von Waren- und Warenkreditbetrug verzeichnet, die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher. Nur selten werden die Täter gefasst. Denn das Problem ist: Die Betrüger hinterlassen praktisch keine Spuren.