Lukrativer Diebstahl

Wenn man so will, ist der 45-jährige Daniel Dorner der lebende Beweis dafür, dass die Dresdner ihren Humor nicht verloren haben – nicht mal nach dem Einbruch ins Grüne Gewölbe, dem Diebstahl der sächsischen Kronjuwelen Ende November 2019. Dorner ist Spielwarenhändler, seine "Spielaxie" liegt nicht weit vom Grünen Gewölbe entfernt, und er hat es geschafft, aus dem Museumsraub eine Art Coup in eigener Sache zu machen. Er wisse noch genau, sagt Dorner, wie ihm am Tag des Diebstahls plötzlich aufgefallen sei, dass er nun einen Schatz auf Lager hat: Irgendwo in seinem Laden verstaubte eine größere Auflage des Playmobil-Sets "Museumsüberfall". Das Set enthält ein kleines Museum, ein paar vermummte Plastikganoven, eine Glasvitrine mit Kronjuwelen, Bilder von Fürsten – so realistisch, als hätten die Macher von Playmobil den Dresdner Juwelenraub vorausgeahnt. "Mensch, dachte ich, das passt ja wie die Faust aufs Auge", sagt Dorner. Er entwarf also schnell ein Preisschild, "AKTION – Museumsüberfall nur 34,99". Es dauerte nicht lange, da hatte jemand das Angebot in seinem Laden fotografiert. Und die Sache ging im Internet viral. Seither wird Dorner die Bude eingerannt, sein Lager war zwischendurch komplett leer, inzwischen hat er eine neue Lieferung erhalten. "Die Leute kommen, rufen an, fragen", sagt er, "der Andrang ist unglaublich." Nicht alle finden seine Aktion lustig, auch klar. Manche kämen zu ihm und schimpften. Was sagt er denen? "Dass ein bisschen Witz nottut in diesen Zeiten", sagt Dorner. "Vor allem sage ich: In der Playmobil-Welt klärt sich der Raub auf! Die Polizei ist zugegen. Das Ding nimmt ein Happy End."
Martin Machowecz

Nach oben Link zum Beitrag

Geliebter Sohn

Sie hat das Schlimmste erlebt, was eine Mutter erleben kann. Es war ein Sonntag im Oktober, gut drei Jahre ist es her. Ihr Sohn ging mit seiner Freundin aus, sie wollten ins Kino. Der Film, den sie sehen wollten, lief aber noch nicht. Also schlenderten sie zur Außenalster, dem großen See mitten in Hamburg, setzten sich ans Ufer, er hinter sie, es war ein milder Tag. Da näherte sich von hinten ein Mann, er hatte ein Messer, stieß sie ins Wasser und stach auf ihn ein. Der Mann verschwand, der Junge starb im Krankenhaus.

Die Tat wurde zum öffentlichen Ereignis. Zeitungen berichteten täglich über den "Alstermord", die Polizei bat die Bevölkerung um Unterstützung bei der Fahndung und verteilte Flugblätter, der "Islamische Staat" bekannte sich: Einer seiner Soldaten habe den Angriff verübt. Bis heute ist unklar, wer den Sechzehnjährigen ermordet hat. Bis heute weiß die Mutter nicht, wer ihr den Sohn genommen hat. Sie hat gelitten, sie hat geschrien, sie hat stumm dagesessen, geschockt. Sie hat geheult, gekauert und gezittert. Sie wusste nicht weiter. Aber sie hat einen Weg gefunden, weiterzuleben, weiter mit ihrem Sohn Victor zusammen zu sein. Véronique Elling ist Schauspielerin und Sängerin. "Der einzige Weg, der mich dazu zwingt, weiterzuatmen, weiter im Leben tätig zu sein, ist die Kunst", sagt sie. Sie stellte ein Bühnenprogramm zusammen, in ihrer Muttersprache Französisch. Dire Adieu heißt es, Abschied nehmen.

Keine fünf Monate nach der Ermordung ihres Sohnes stand sie vor Publikum. Sie sang Ne me quitte pas, Bitte verlass mich nicht, und Quand on n’a que l’amour, Wenn man nur noch die Liebe hat, beides von Jacques Brel. Es sind Lieder, die sie kennt, seit sie ein Kind ist. Jetzt fühlen sie sich anders an, aber sie geben so etwas wie Halt, wie Geborgenheit.

Ihr Sohn Victor ist tot, das kann sie nicht ändern. Aber sie kann ändern, wie sie auf Victor schaut und wie es andere tun. "Vor einigen Jahren war es Victor selbst, der zu mir sagte: Mama, warum spielst du eigentlich immer nur diese alten Lieder? Warum schreibst du nicht selbst welche?", sagt Véronique Elling. In diesem Jahr hat sie getan, was sich ihr Sohn wünschte. Sie hat erstmals selbst Lieder geschrieben. Über ihn. Über ihre Liebe. Über ihre Trauer. Das erste hat sie gerade veröffentlicht, es heißt Le garçon tendre, Der zärtliche Junge. Sie singt über einen Jungen, der ein wenig schüchtern ist und leise, aber ein fröhliches Lachen hat. Über ihren Jungen, der ihr sagt: "Schließe deine Augen / Du siehst besser / Mit dem Herzen / Das Glück, das dich umweht". Geschrieben hat sie diese Zeilen im vergangenen Oktober, am Todestag ihres Sohnes. In den nächsten Tagen und Wochen kamen weitere Texte hinzu. Sie saß zu Hause, spielte mit ihrer Tochter, da kamen ihr Zeilen in den Kopf, sie sprang auf, schrieb sie auf, las sie ihrem Lebensgefährten vor, der Klavier spielt. Er probierte Akkorde, sie sang, sie fanden die Melodien zu den Texten. Zwölf Lieder sind es insgesamt geworden. Sie singt: "Ich werde da sein / Überall, wo du hingehst / Du wirst mich hören / Überall, wo du sein wirst / Mit dir". Sie singt: "Manchmal ist mir kalt mitten im Sommer / Manchmal lässt mich Fieber erzittern / Manchmal möchte ich die Seite umblättern / Manchmal habe ich Angst, dein Gesicht zu vergessen". Sie singt: "Manchmal sind die Tage wie Jahre / Manchmal lache ich über meine eigenen Gedanken / Manchmal erscheint mir das Leben wild / Manchmal scheint mir der Tod wie eine Fata Morgana."

Ihre Gedanken aufzuschreiben, aufzunehmen und dadurch aufzuarbeiten hat ihr Kraft gegeben. Das sei das Wunderbare an der Kunst, sagt Véronique Elling: "Man hat die Möglichkeit, aus den schlimmsten und schmerzhaftesten Erfahrungen etwas Schönes zu machen." Sie will nicht, dass ihr Sohn in Erinnerung bleibt als das Opfer des Alstermörders. Will nicht, dass die Gewalt sich in den Gedächtnissen einnistet und alles andere überdeckt. Sie will zeigen, was für ein Junge ihr Sohn war. Will von ihm als Menschen erzählen. "Es ging immer nur um die Gewalt, die ihm angetan wurde", sagt sie. "Dabei hat er so viel Licht in unser Leben gebracht. Das möchte ich mit den Liedern ausdrücken." Das Album wird im neuen Jahr erscheinen. Einen Tag für die Veröffentlichung hat sie schon ausgewählt: Es ist der 26. Mai, der 20. Geburtstag ihres Sohnes.
Kilian Trotier

Nach oben Link zum Beitrag

Dänische Energie

Undenkbar, dass ein deutscher Minister so etwas sagen würde. Dan Jørgensen aber verkündet sichtlich stolz: "Wie es gehen wird, wissen wir noch nicht. Aber wir haben es trotzdem beschlossen." Jørgensen ist dänischer Energieminister. Er hat mit seiner Ankündigung dafür gesorgt, dass die Regierung die Klimaziele radikal nach oben geschraubt hat. Bis 2030 will Dänemark nun seine CO₂-Emissionen um 70 Prozent reduzieren. Das ist deutlich mehr, als die deutsche Bundesregierung will, und auch mehr, als sich die EU insgesamt zutraut. "Wir haben nicht die Experten gefragt, was möglich ist. Wir haben ihnen gesagt, was nötig ist", sagt Jørgensen, als er den Plan im Dezember auf der Klimakonferenz von Madrid vorstellt. Doch der Mann ist kein Hasardeur, er glaubt, anders als die Bundesregierung, an den massiven Ausbau der Windenergie. Schon heute hat sein Land mit rund 40 Prozent den weltweit höchsten Anteil an Windenergie am Strommix. Deswegen weiß Jørgensen auch ganz gut, wie er diesen in Zukunft noch steigern kann: Vor der dänischen Küste sollen in der Nordsee Windparks entstehen. Rund zehn Gigawatt Offshore-Wind sollen die erzeugen, was für etwa zehn Millionen Haushalte reichen würde und damit viel mehr wäre, als das kleine Land selbst verbrauchen kann.
Petra Pinzler

Nach oben Link zum Beitrag

Schmerzfreier Jahreswechsel

"Kein Alkohol ist auch keine Lösung", sangen schon die Toten Hosen. Insbesondere an den Weihnachtsfeiertagen und an Silvester trinkt fast jeder Achte mehr Alkohol als sonst, belegen Umfragen. Doch nach einer durchzechten Nacht hat sich am nächsten Morgen wohl jeder schon einmal gefragt, ob das sechste Glas Rotwein oder das zehnte Bier wirklich nötig waren. Der Kopf schmerzt, der Magen grummelt, und dann noch dieser eklige Geschmack im Mund: Lässt sich denn gar nichts gegen den Kater tun?

Indische Wissenschaftler vom Institute of Chemical Technology in Mumbai haben verschiedene Frucht- und Gemüsesäfte, Getreide, Gewürze und Milchprodukte darauf untersucht, ob sie den Alkoholabbau beschleunigen und die typischen Katersymptome lindern. Und siehe da – oder in weihnachtlicher Hochstimmung: Halleluja! –, in Laborversuchen im Reagenzglas konnten sie zeigen, dass eine Mischung aus Birnensaft, süßer Limette und Kokoswasser die Aktivität der am Alkoholabbau beteiligten Enzyme Alkohol-Dehydrogenase (ADH) und Aldehyd-Dehydrogenase (ALDH) entscheidend erhöht. Birnensaft steigert die ALDH-Enzymaktivität sogar um bis zu 91 Prozent und ist damit effektiver als die von den Forschern getesteten kommerziellen Produkte. "Unsere Fruchtsaftmischung ist eine einfach zubereitete, effektive, preiswerte und geschmacklich annehmbare Alternative zu den derzeit verfügbaren Anti-Kater-Mitteln", schreiben sie im Fachblatt Current Research in Food Science. Kaffee hingegen scheint den Alkoholabbau eher zu verlangsamen – von einem Cappuccino am "Morgen danach" ist also eher abzuraten.

Als besonders schmackhaft bei hoher Wirksamkeit erwies sich im Versuch ein Getränk aus 65 Prozent Birnensaft, 25 Prozent Limettensaft und 10 Prozent Kokoswasser. "Wenn dazu noch Käse, Gurken und Tomaten gegessen werden, lassen sich die Katersymptome noch stärker lindern", heißt es. Ob die Mixtur tatsächlich wirksamer ist als bisher bekannte Präparate und Hausmittel, müssen allerdings weitere Studien klären. Na dann, Prost!
Katharina Menne

Nach oben Link zum Beitrag

Tunesische Aufklärung

Tunesien führt Aufklärungsunterricht an Schulen ein. Im Dezember 2019 startete ein Pilotprojekt dafür in der Hauptstadt Tunis, bis 2022 soll es den Unterricht landesweit geben. Darin sollen Kinder ab fünf Jahren nicht nur lernen, wie ihr Körper funktioniert, sondern auch, wo sexueller Missbrauch und Belästigung beginnen und wie sie sich dagegen wehren können.

Tunesien erlebt seit diesem Herbst eine eigene #MeToo-Bewegung unter dem Hashtag #EnaZeda ("Ich auch"). Ausgelöst wurde sie durch ein Video, das einen Parlamentsabgeordneten beim Masturbieren vor einer Schule zeigen soll. Er war einer Schülerin im Auto gefolgt, sie filmte ihn und stellte den Clip auf YouTube. Tausende Frauen berichten seitdem in sozialen Medien von Belästigungen.

Im Libanon, dem anderen arabischen Land, in dem es schon Aufklärungsunterricht gab, stellte die Regierung diesen im Jahr 2000 wieder ein. Religiöse Institutionen hatten die Behörden unter Druck gesetzt: Aufklärung verführe die Jugend zur "Perversion". Die Vereinigung für sexuelle Gesundheit in Tunesien, die sich dort für den Aufklärungsunterricht einsetzt, will die Pilotphase deshalb nicht nur dafür nutzen, die Unterrichtseinheiten für die Kinder zu verbessern, sondern auch für Überzeugungsarbeit in Behörden und religiösen Einrichtungen.
Lea Frehse

Nach oben Link zum Beitrag

Gesunder Seetang

Chinesische Behörden haben im November 2019 ein neues Medikament gegen Alzheimer zugelassen. Es ist weltweit das erste Mal seit mehr als 17 Jahren, dass ein Mittel gegen die hirnorganische Krankheit genehmigt wird. Das Medikament wird aus Seetang gewonnen und könne Alzheimer-Patienten im frühen Stadium zur Besserung verhelfen. Ein Team von Wissenschaftlern des Shanghai Institute of Materia Medica hatte beobachtet, dass Menschen, die viel Seetang zu sich nehmen, seltener von Alzheimer betroffen sind. Algen sind ein fester Bestandteil der chinesischen Küche und vielleicht bald auch in Deutschland das angesagteste Superfood.
DZ

Nach oben Link zum Beitrag

Napoleonischer Apfel

Der verschollen geglaubte "Napoleonsapfel" wurde dieses Jahr wiederentdeckt. Seine Entdeckerin Urte Delft musste für die Suche nicht weit reisen. Denn die Brandenburger Pomologin hat zwei Bäume dieser Sorte in ihrem eigenen Garten stehen. Delft kann an die 100 Apfelsorten bestimmen. Nur über jene mit dem irre saftigen Fleisch und der feinen Säure, die sie seit ihrer Kindheit isst, wusste sie nichts. Anfang des Jahres stieß sie in der Prignitz auf einen Baum. Sie sah es sofort, das waren ihre Äpfel. In Niedersachsen tauchten weitere Bäume auf. Außerdem ein altes Register, dem zufolge die Sorte als "Napoleonsapfel" in den Dreißigerjahren verkauft wurde. Napoleon? Wahrscheinlich nur ein Marketing-Gag. So wie bei der Napoleonskirsche und bei der Napoleonsbutterbirne. Delft schwärmt: "Im Keller hält sich der Napoleonsapfel von Herbst bis April, das schaffen nur ganz wenige Sorten."

Mit den Weltkriegswirren verschwand der Apfel – dachte man zumindest. Außer den beiden in Delfts Garten sind noch vier weitere Bäume bekannt. Wo die stehen? Da schweigt Delft.
Josa Mania-Schlegel

Nach oben Link zum Beitrag