Mehr Skulptur denn Kirchendach oder Glockenturm: Die von Wolf D. Prix entworfene Martin-Luther-Kirche in Hainburg an der Donau © Duccio Malagamba

Für das Allerheiligste reicht ein Räumchen. Ein "Staunräumchen", präzisiert Pfarrer Konstantin Spiegelfeld. Die Bezeichnung hat er ersonnen. Er deutet auf die noch blanken Mauern der Baustelle in einem Erdgeschosslokal im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Dessen hinterster, per Schiebewand abtrennbarer Bereich wird bald einen rollbaren Altar mit Tabernakel und ein per Wandbemalung angedeutetes Kreuz beherbergen: Minimalistischer könnte eine Kirche kaum sein.

Der Bau von Gotteshäusern und sakralen Stätten galt und gilt als Königsklasse der Architektur. Doch die Kirche ist im Wandel und mit ihr auch ihre sakralen Bauten. Wo in Österreich im 20. Jahrhundert noch Kirchen entstehen, da treten sie selten mit Prunk und Protz auf. Wofür aber steht die neue Sakralarchitektur dann?

"Der Raum soll die Menschen ja nicht erschlagen", erklärt Konstantin Spiegelfeld die Zurückhaltung seines "Staunräumchens". Der Raum, findet er, solle einladen. Eigentlich ist Spiegelfeld Pfarrer von St. Nepomuk, einer Pfarre im zweiten Wiener Bezirk, deren Zentrum eine stattliche, frühhistoristische Kirche an der wuselnden Praterstraße ist. Doch zum Pfarrgebiet gehört auch der Nordbahnhof: eines jener Gebiete der wachsenden Metropole, in denen neue Städte in der Stadt entstehen. Tausende Menschen sind bereits in die neuen Wohnungen gezogen, insgesamt soll das Gebiet einmal 32.000 Einwohner zählen. Unter Spiegelfelds Ägide entsteht hier das jüngste sakrale Bauprojekt der Erzdiözese Wien: das Begegnungszentrum FranZ, gelegen zwischen einem Radgeschäft und einer Bäckerei. Wenn FranZ im Februar 2020 eröffnet, wird es vom offenen Vorraum in eine Küche übergehen und dann in den Veranstaltungsraum mit dem abtrennbaren Altarbereich.

Die Botschaft ist klar: Die Kirche will in dem Quartier präsent sein, aber mehr als nur zum Predigen möchte sie ein Ort zum Zusammenkommen sein.

Es ist ein neuer Schritt in der Geschichte der Kirchenarchitektur, die von Geschmäckern und technischen Möglichkeiten der jeweiligen Epoche erzählt – und vom Selbstverständnis der religiösen Institutionen. Bei der in Österreich auch baukünstlerisch dominierenden katholischen Kirche, die allein in Wien mehr als 200 Kirchengebäude zählt, reicht die Palette von romantischen Relikten bis zu Jugendstilikonen wie Otto Wagners Steinhof-Kirche. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde weitergebaut, weil viele Gotteshäuser, auf dem Land wie in der Stadt, beschädigt oder verfallen waren.

Heute ist das anders. Einerseits ist der Bedarf an neuen Kirchen seit den Siebzigerjahren weitgehend gedeckt. Andererseits: Wer braucht schon neue Tempel? An Weihnachten waren die Betstühle gut gefüllt, aber das ist die Ausnahme. An den sogenannten Zählsonntagen gab es im Jahr 2010 noch zwischen 659.000 und 695.000 katholische Messbesucher in Österreich, 2017 waren es nur mehr maximal 571.000. Zugleich verliert die Kirche infolge der Kirchenaustritte auch ihre Beitragszahler. Weshalb also Geld für ein Gebäude ausgeben, das leer bleibt?

Wie ein Fels in die Erde gebaut: Die Neuapostolische Kirche von Veit Aschenbrenner Architekten in Wien-Penzing. © Foto: Hertha Hurnaus, Architektur: Veit Aschenbrenner

Der Grund für den Bau der im Jahr 2000 eingeweihten Donaucity-Kirche war derselbe wie heute am Nordbahnhof-Areal: Wo ein neuer Stadtteil entsteht, will die Kirche nicht fehlen. Der kubische, schreinartige Bau von Heinz Tesar auf der Donauplatte sticht ins Auge, aber er will das Stadtbild nicht dominieren. Eher duckt sich der dunkle Komplex mit den runden Öffnungen unter die Skyline aus Glas und Stahl. "In der Umgebung streben alle anderen Gebäude himmelwärts. Warum soll das auch die Kirche tun?", erklärte der Architekt einmal die Demut seines Entwurfs.