Jede Woche stellen wir Politikern und Prominenten die stets selben 30 Fragen, um zu erfahren, was sie als politische Menschen ausmacht – und wie sie dazu wurden. Und wo sich neue Fragen ergeben, haken wir nach. Die Nachfragen setzen wir kursiv.

1. Welches Tier ist das politischste?

Die Giraffe. Sie hat einen guten Überblick, kommt mit ihrem langen Hals an Dinge ran, die die anderen Tiere nicht erreichen. Und sie kann vorausschauen: Wege finden, die sie an ihr Ziel führen. Weil sie so groß ist, hat sie auch eine gewisse Sichtbarkeit, die sie nutzen kann, um anderen Tieren zu erklären, warum sie den Weg wählt, den sie geht. So würde ich mir Politik wünschen.

Politik ist also gut, wenn sie überlegen ist.

Das nicht – aber sie sollte sehr gut informiert sein und diese Informationen auch gut vermitteln.

2. Welcher politische Moment hat Sie geprägt – außer dem Kniefall von Willy Brandt?

Da ging ich 1963 aufs Gymnasium in Stuttgart, ich war etwa elf Jahre alt. Wir haben als Schüler eine Demonstration organisiert, bei der wir forderten, dass mehr Kinder in Baden-Württemberg die Chance auf Abitur und Studium haben. Da habe ich meinen politischen Willen gespürt.

Würden Sie sich zu den 68ern zählen?

Kottnik steht seit 1979 im Dienst der Kirche © Rolf Zöllner

Die Grundhaltung der 68er hat mich sicher geprägt: etwa, Autoritäten infrage zu stellen, auch in der Theologie. Aber ich habe keine Sit-ins gemacht und war auch nicht andauernd auf der Straße. Was mir an der Bewegung besonders wichtig war, war das Bewusstsein dem gegenüber, was im "Dritten Reich" geschehen ist.

3. Was ist Ihre erste Erinnerung an Politik?

Als die Kuba-Krise 1961 ausbrach, war ich neun Jahre alt. Meine Mutter hat angefangen, im Keller Konserven zu horten. Da habe ich gelernt, dass es in der Welt nicht nur um meine eigene Umgebung geht, sondern dass wir weltweit verflochten sind.

4. Wann und warum haben Sie wegen Politik geweint?

Einmal aus Freude, einmal aus Trauer. Aus Freude war es beim Mauerfall, 1989. Meine Frau ist ursprünglich Ost-Berlinerin, wir hatten viele Freunde dort – und plötzlich war die Mauer weg. Aus Trauer war es am 11. September 2001, als ich auf einem Kongress in der Nähe von Görlitz war, in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Einer der Bewohner kam auf mich zu und sagte: "Da ist ein Flugzeug ins Weiße Haus geflogen." Ich ging dann in die Wohngruppe und sah genau in dem Augenblick im Fernsehen, wie die Flugzeuge in die Twin Towers flogen.

5. Haben Sie eine Überzeugung, die sich mit den gesellschaftlichen Konventionen nicht verträgt?

Meine Tochter sagt, dass ich immer versuche, alles zu verstehen und alle zu versöhnen. Ich habe kein ausgeprägtes Streitbedürfnis.

Sie würden also mit AfD-Wählern reden.

Mit den Wählern ja. Die Politiker würde ich nicht unbedingt zu meinen Veranstaltungen einladen.

6. Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, mächtig zu sein?

Ich war ein junger Gemeindepfarrer in Stuttgart, Mitte der Achtzigerjahre, und hatte mich starkgemacht für ein Asylbewerberheim in einer sehr wohlhabenden Gemeinde im Stuttgarter Süden. Auf einer Bürgerversammlung wurde ich dafür niedergeschrien. Es ist dann aber gelungen, in der Gemeinde Leute zu finden, die sich für die Bewohner des Heims engagiert und einen Arbeitskreis gegründet haben. Einen der jungen Asylbewerber von damals habe ich kürzlich in einem Stuttgarter Restaurant getroffen. Er spricht jetzt Schwäbisch. Das Wort "mächtig" mag ich nicht besonders, aber ich habe mich da sehr erfolgreich gefühlt.

7. Und wann haben Sie sich besonders ohnmächtig gefühlt?

Das war zur gleichen Zeit, als ein Nachbar im Ort Plakate aufgehängt hat mit der Aufschrift: "Unser Pfarrer kümmert sich nicht um seine Katze, sondern um Asylbewerber." Unsere Katze war in der ganzen Gemeinde bekannt. Auf Fotos von der Pfarrfamilie war sie immer mit dabei. Bei diesen Plakaten habe ich mich ohnmächtig gefühlt, weil wir ja wussten, wie gut wir zu unserer Katze sind – und weil ich nicht wusste, wie ich mit diesem Nachbarn umgehen kann. Die Kirchenleitung hat sich zum Glück hinter mich gestellt, die Plakate wurden entfernt.

Wie hieß die Katze?

Mimi. War aber ein Kater.

8. Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – was wäre bis dahin Ihre Aufgabe? Sie dürfen allerdings keinen Apfelbaum pflanzen.

Ich würde zuerst versuchen, alle Konflikte aus der Welt zu schaffen, die es noch zwischen mir und anderen geben könnte. Dann würde ich versuchen, das, was ich geplant habe, zum Beispiel eine Reise mit meiner Frau oder eine Veranstaltung, genauso umzusetzen. Und drittens würde ich hoffen, dass die Welt doch nicht untergeht.

9. Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Meistens dafür. Aber es gibt auch Situationen, wo ich sagen kann: Das geht nicht.

Wann waren Sie zuletzt dagegen?

Neulich haben wir eine Spende für die Bahnhofsmissionen bekommen – mit dem Hinweis, das Geld sei nur für Deutsche. So was geht nicht.

10. Welche politischen Überzeugungen haben Sie über Bord geworfen?

Bis 1989 und darüber hinaus war ich Pazifist. Ich dachte, eine Zeit großen Friedens würde anfangen. Heute bin ich für einen verantwortlichen Umgang mit dem Militär. Dazu gehört jedoch ebenso eine aktive Friedenspolitik.