Wer die Jugend nicht versteht, ruft Klaus Hurrelmann an. Warum können junge Leute nicht mit Kritik umgehen? Wie verändern sie die Politik? Was wollen sie eigentlich? Politiker oder Journalisten, die wissen wollen, was in den Köpfen junger Leute los ist, melden sich bei dem Soziologen in Berlin. Hurrelmann, der mit 75 Jahren schon längst das Rentenalter erreicht hat, ist der Jugenderklärer der Nation.

Auch die Abgeordneten der Grünen suchen seinen Rat. Draußen ist der Berliner Himmel so grau wie die Spree. Im Sitzungszimmer im Paul-Löbe-Haus des Bundestags hat sich die Grünen-Fraktion versammelt, um von Hurrelmann Auskunft zu bekommen, wie die jungen Menschen denn so ticken. Abgeordnete nehmen Akten aus Recycling-Taschen, jemand isst Joghurt, während Hurrelmann die Ergebnisse der gerade erschienenen Shell-Studie 2019 zusammenfasst. Tatsächlich sei die Studie vom Erdölkonzern Shell gesponsert, doch "die wissen selber nicht mehr, wie das 1953 zustande gekommen ist". Die Abgeordneten lachen erleichtert, ist ja auch schwierig, die Grünen und das Erdöl.

Hurrelmann ist Babyboomer und sieht die Jugend so selbstbewusst wie zuletzt 1968

Hurrelmann ist ein gewinnender Redner, die Abgeordneten werden noch oft lachen, etwa als der Soziologe berichtet, Eltern gälten heute als das große Vorbild. Er wirbt für die gezielte Förderung von Jungen, die hinter den Mädchen zurückfallen. Und er erklärt die Generation der nach 2000 Geborenen als die politischste seit den 68ern. Die Generation Z sehe am Arbeitsmarkt rosigen Zeiten entgegen, das lasse sie politisch werden. Dieser Mechanismus habe auch 1968 gewirkt, bei der letzten großen Jugendmobilisierung. "Ich bin Babyboomer, ich kann da authentisch mitreden", sagt Hurrelmann. Das Verhältnis zu den Eltern, politisches Engagement – das sind auch Themen aus seinem Leben.

Hurrelmann forscht seit den Sechzigerjahren zu Bildung und Jugend, seit 2002 ist er Autor der Shell-Jugendstudie. Niemand sonst prägt in Deutschland durch seine Forschungen und seine Interpretationen so sehr das Bild der Jugend. Aber kann man in dem Alter noch der Jugendversteher vom Dienst sein?

Eine Antwort könnte sein, dass er als Jugendlicher eine Menge erlebt hat, straffällig wurde und selbst lange brauchte, um zu verstehen, was ihn damals geritten hatte.

Gegen den Willen des Vaters besuchte er Anfang der Fünfzigerjahre das Gymnasium in Nordenham bei Bremerhaven. Doch unter den Arzt- und Anwaltssöhnen fremdelte der Sohn eines Kranführers. Die Leichtigkeit der Oberschicht fehlt dem Aufsteiger, der nicht nur lernen will, sondern das auch gern tut. Als Ehrgeizling ausgegrenzt, fasst Hurrelmann einen Plan: "Du musst zeigen, dass du kein stromlinienförmiger Streber bist, sondern ein richtiger Mann!" Mit einem Mitschüler räumt er im Strandbad Geldbörsen leer, seine Augen leuchten spitzbübisch, wenn er es erzählt, 16 Mark hätten sie erbeutet.

Der Haken dabei: Ein etwas schwerer kriminell gewordener Teenager denunzierte Hurrelmann als Teil einer Bande. Zwei Polizisten holten darauf den 14-jährigen Hurrelmann direkt aus der Klasse zum Verhör. Auf den Schulverweis folgten vier Wochenendarreste, "in einem echten Gefängnis! Mit Haferschleim und trockenem Brot und Hoffegen!" Da er von allen Schulen Niedersachsens verwiesen worden war, wechselte er auf ein Gymnasium in Bremerhaven. Seitdem lässt ihn eine Frage nicht mehr los: "Wie konnte mir so etwas passieren?"

Die Fragen der Männlichkeit und tradierten Rollenbilder beschäftigen Hurrelmann bis heute. Antworten fand er zunächst an der Universität Münster, in der Soziologie und Psychologie. Gleich nach seinem Abschluss 1968 landete er in einem Forschungsprojekt: "Abweichendes Verhalten in der Schule und Kriminalität unter Jugendlichen". Es bleibt sein Lebensthema.

Heute berät er nicht nur die Grünen, wenn die wissen wollen, was mit der Jugend los ist. Auf dem Weg vom Parlament in sein Büro ("nur 20 Minuten zu Fuß!") erzählt Hurrelmann, er sei mit der Shell-Studie 2019 auch schon bei der SPD und bei etlichen Verbänden eingeladen gewesen. Auch wenn Deutschland der Überalterung entgegensieht, wollen alle wissen, was die Jugend denkt. Im ehemaligen DDR-Prunkbau an der Friedrichstraße angekommen, wo Hurrelmann seit 2009 an der privaten Hertie School of Governance zukünftige EU-Bürokraten und NGO-Mitarbeiter in Soziologie und Öffentlicher Gesundheit unterrichtet, kommt er auf seine Rolle in den Medien zu sprechen.

Eine Weltkarte füllt eine Wand, das Wort Weltoffenheit wird öfters fallen. Daneben hängen viele Fotos des Professors mit Schülern und mit seiner Familie, zwei Kinder, ein Stiefsohn aus zweiter Ehe, sechs Enkel.

Wie oft rufen Journalisten bei ihm an? Jeden dritten Tag, sagt er, "und das ist zu viel". Er versuche oft, an andere Forscher weiterzugeben, stelle aber mit Erstaunen fest, dass es nicht viele gibt, die sich äußern wollten. Vielleicht ist es zu heikel, sich politisch aus dem Fenster zu lehnen.

Davor hat sich Hurrelmann nie gefürchtet, er ist beseelt von einer Mission: Bildungsgerechtigkeit. Er ist prominenter Gegner der Aufteilung der Kinder in verschiedene Schulformen, und er tritt für ein niedrigeres Wahlrechtsalter ein – nicht immer mit Erfolg. "Tja, ich musste lernen, Geduld zu haben", sagt er. Die Forschung zeige, dass eine frühe Aufteilung der Schüler Ungerechtigkeiten verstärke, aber daraus folge keine Konsequenz. "Ein klarer Befund heißt nicht, jetzt ändert die Politik ihren Rhythmus." Immerhin: Dank seines Einsatzes entstand in den ostdeutschen Bundesländern nach der Vereinigung neben dem Gymnasium nur eine zweite Schulform.