Direkt nach dem Angriff telefonierte Andy Grote aus seinem beschädigten Wagen kurz mit der Polizei, dann machte er weiter in seinem Terminplan, als sei nichts passiert. Er brachte seinen Sohn in die Kita, wie fast jeden Morgen. Um neun Uhr startete er pünktlich den ersten von vielen Terminen im Büro. Und abends ging er zur Weihnachtsfeier mit seinen Mitarbeitern aus der Innenbehörde, zu einem Italiener auf St. Pauli und dann noch ins Musical Die Königs vom Kiez am Spielbudenplatz.

"Ein Hamburger Innensenator lässt sich nicht einschüchtern", sagt Andy Grote.

Genau das, ihn einzuschüchtern, war offensichtlich das Ziel der drei Angreifer, die kurz nach acht Uhr morgens seinen Dienstwagen auf der Hein-Hoyer-Straße attackierten. Grote war gerade losgefahren von seiner Wohnung im Herzen St. Paulis, wo er seit 20 Jahren lebt, auf der Rückbank saß sein zweijähriger Sohn im Kindersitz. Eine Ampel schaltete auf Rot, der Fahrer verlangsamte, da sprang ein Vermummter vor den Wagen, zwei andere rannten von der Seite herbei und begannen zu werfen. Vier Mal wurde der Dienstwagen getroffen. Von Steinen, so groß wie Pampelmusen, und von mit Farbe gefüllten Gläsern. Der Vermummte vor dem Auto zielte mit einem Farbgeschoss direkt auf die Windschutzscheibe, doch er traf nur die Dachkante. Niemand weiß, was passiert wäre, wenn es tiefer eingeschlagen hätte. Dann hätte Grotes Fahrer mit rot verschmierter Scheibe Gas geben müssen, vor einer stark befahrenen Kreuzung.

Was am Morgen des 13. Dezember mitten auf St. Pauli passierte, war kein Streich. Es war ein Anschlag, bei dem nur mit Glück keine Menschen verletzt wurden. Einem Auto mit Kölner Kennzeichen warfen die Täter die hintere Seitenscheibe ein. Genau an der Stelle, wo im Dienstwagen Grotes zweijähriger Sohn saß.

Wer Andy Grote einige Tage später trifft, erlebt einen Mann, der erstaunlich gelassen ist. Der keine Wut zeigt, sondern leise und langsam spricht, auf seine typisch bedächtige Art. "Ich kann mein Amt ganz gut von mir als Privatperson trennen", sagt, nein brummt der 51-Jährige mit tiefer Stimme. "Als Innensenator steht man eben auch für die Sicherheitsbehörden unserer Stadt, die das Feindbild für alle Extremisten sind." Er will das wegstecken.

Dabei ist es selbst von links außen betrachtet absurd, Andy Grote und seinen kleinen Sohn anzugreifen. Manch deutscher Innenminister hätte nach den G20-Krawallen die Rote Flora stürmen und schließen lassen. Grote dagegen setzte sich auf ein Podium und verkündete, die Stadt brauche dringend solche selbst verwalteten linken Räume. Dass sich die Täter im Kampf gegen ein Unterdrückungsregime wähnen, ist schlicht verrückt. Grote sieht das "als Beleidigung für alle, die tatsächlich unter Unterdrückung leiden".

Seit Jahren versuchen Linksextremisten, demokratisch gewählte Politiker in Hamburg einzuschüchtern. Sie verüben Farbanschläge auf Privathäuser, so viele, dass einzelne Taten kaum noch Aufsehen erregen. Werden sie deshalb immer brutaler? Im Oktober zündeten sie vor dem Eimsbütteler Wohnhaus von Jan Pörksen, dem Chef der Senatskanzlei, ein Auto an. Das einer Nachbarin.

Der Anschlag auf den fahrenden Dienstwagen mit Andy Grote und seinem Kind darin "ist eine neue Eskalationsstufe", sagt Torsten Voß, Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes. Die Täter müssten vor der Tat die Gegend ausgespäht haben; das Leben und die Gesundheit anderer seien ihnen offenbar gleichgültig gewesen. Voß sagt: "Diese Attacke und weitere schwerste linksextremistische Straftaten bundesweit wie in Leipzig machen deutlich: Wir nähern uns stark der Schwelle zum Linksterrorismus, die, wenn die Entwicklung so weitergeht, auch erreicht werden kann." In Leipzig verprügelten vermummte Linksradikale im November die Managerin einer Immobilienfirma in ihrer Wohnung.

Dass die Hamburger Linksradikalen brutaler werden, liegt auch daran, dass sie unter Druck stehen: Die Fahndung nach G20-Tätern, die zu teils hohen Haftstrafen führte, hat die rund 1000 Personen starke Szene verunsichert, weshalb einige vor Weihnachten bis nach Buxtehude fuhren, um einen G20-Richter an seinem Wohnort einzuschüchtern. Und im Juli gelang der Hamburger Polizei ein seltener Erfolg gegen die Szene: Zwei Männer und eine Frau wurden auf einer Parkbank in Eimsbüttel festgenommen, kurz bevor sie einen Brandanschlag verüben konnten. Sie trugen Brandsätze, Feuerzeuge, Wechselkleidung und die Adresse einer Senatorin sowie zweier Immobilienfirmen bei sich. Ihr Prozess beginnt im Januar. Der Angriff auf Grote sollte ein Akt der Solidarität mit den "drei von der Parkbank" sein, heißt es im Bekennerschreiben.

Doch nach dem Anschlag solidarisierten sich vor allem Demokraten aus der ganzen Republik mit Andy Grote. Er erhielt in den sozialen Netzwerken so viel Zustimmung wie noch nie. Und freute sich darüber. "Es darf nicht allein die Aufgabe der Sicherheitsbehörden sein, die Demokratie zu verteidigen", sagt er. "Wir brauchen eine starke demokratische Mitte, die sichtbar und hörbar auftritt." In seinem Fall ist das tatsächlich gelungen.

Die Besonnenheit des Andy Grote zeigt sich auch daran, dass er wenige Tage nach dem Anschlag nicht nur über Linksradikale spricht. "Der aktuell größte Feind unserer Demokratie steht rechts", sagt der SPD-Politiker mit viel Überzeugung in der Stimme. Der erstarkende Rechtsextremismus mit seiner Hasskultur im Netz bis hin zu politischen Morden habe "ein enormes Gefahrenpotenzial". Da dürften ihm selbst die verbohrtesten Linksradikalen kaum widersprechen.