Einem vornehmlich literarisch interessierten Publikum wurde Max Goldt seit Mitte der Achtzigerjahre als Autor von Kolumnen und Büchern wie Mein äußerst schwer erziehbarer schwuler Schwager aus der Schweiz oder Ungeduscht, geduzt und ausgebuht ein Begriff. In diesen frühen Titeln schimmern deutlich schon drei wesentliche Charakteristika des Goldtschen Sprachschaffens durch: ein konsonanten- wie vokalhäufungsverliebter Vorrang der Form vor dem Inhalt; ein genereller Vorbehalt gegenüber der Welt und gegenüber den in dieser wohnenden Wesen; sowie schließlich eine existenzielle Melancholie, die aus diesem Vorbehalt und der sich aus ihm speisenden Einsamkeit rührt. Zeit seiner künstlerischen Karriere hat sich Max Goldt, geboren 1958, stets als jemand gezeigt, der für Vokale und Konsonanten mehr Liebe aufbringen kann als für die daraus gebildeten Wörter und für die Dinge und Menschen, die von diesen bezeichnet werden.

Diese drei Charakteristika prägen auch sein musikalisches Werk; bloß dass seine sonderbaren, hoch kunstvollen Verdrehungen der Sprache noch glanzvoller und psychotischer wirken, wenn er sie singt: wenn er mal bockig, mal lässig seine Vokal- und Konsonantenknäuel in melodische Linien zwingt. Eine sechs CDs umfassende Sammlung bietet jetzt einen Überblick über Goldts Schaffen als Sänger, Komponist und elektroakustischer Klangavantgardist. Aus den Jahren 1979 bis 2018 stammen die Aufnahmen, die Goldt unter dem Titel Draußen die herrliche Sonne. Musik 1980 – 2000 versammelt hat; dass der Zeitraum im Titel falsch angegeben wird, wird im Booklet mit dem Umstand begründet, dass es so knackiger klinge.

Seine ersten größeren Erfolge als Sänger feierte Goldt zusammen mit dem Multiinstrumentalisten Gerd Pasemann, als Duo unter dem Namen Foyer Des Arts; diesem sind die ersten beiden CDs in der Sammlung gewidmet. Der erste und einzige größere Erfolg der Gruppe, die Single Wissenswertes aus Erlangen aus dem Jahr 1982, ist nur in einer knapp anderthalbminütigen Demoversion enthalten, denn wie jeder große Künstler verachtet Goldt jenen Teil seiner Kunst, für den die Massen sich kurz zu begeistern vermochten. Immerhin im Original ist Schimmliges Brot anzuhören, ein Stück, das seine humoristische Aura aus der Benennung des rein Faktischen schlägt: "Schimmliges Brot ist selten von Vorteil", das ist nicht zu bestreiten. Das dritte prägende Stück von Foyer Des Arts, Ich bau mir ein Haus aus den Knochen von Willy Brandt, wird in einer prächtig auftrumpfenden Gospel-Rock-Liveversion dargeboten, bei der sich die heute als Entertainerin allseits geschätzte Gayle Tufts in einer Frühphase ihrer Karriere als Hintergrundsängerin die Seele aus dem Leib extemporiert.

Zwei CDs machen mit dem Goldtschen Soloschaffen von den Achtzigern bis in die Nullerjahre vertraut, in dem er den ihm eigenen Duktus erst mit einer Kombination aus akustischer Gitarre und präparierter Zither, später mit einfachen Synthesizern und Rhythmusmaschinen verdoppelt; der Schlussteil der Sammlung bietet Kooperationen unter anderem mit dem von osteuropäischer Radiokunst inspirierten Komponisten Felix Kubin. Die musikalisch interessantesten Stücke finden sich auf der CD Nummer drei und stammen aus der Werkphase der Neunzigerjahre; diese hat Goldt in der Zusammenarbeit mit dem Kammermusikkomponisten Stephan Winkler bestritten, heute Professor an der Barenboim-Said-Akademie. Unter Goldts Texte und um diese herum legt Winkler stolpernde Rhythmen und possierlich fiepende und sirrende Störgeräusche, manchmal trötet auch ein käsiges Saxofon vor sich hin und wird wieder verscheucht. Meist knickert und flickert und zischt es heiter schnurrend zwischen den Stereokanälen von links nach rechts und wieder zurück; manches erinnert an die futuristischen Beatbasteleien aus dem Drum ’n’ Bass jener Jahre; manches klingt auch nach Techno, der zwar zum Tanzen einlädt, aber auch nicht so sehr, dass man dabei seine existenzielle Melancholie verlieren würde.

Existenzielle Melancholie ist auch ansonsten das Stichwort: Gegenüber der sprachlich vollverspiegelten und erzählerisch entsprechend nirgendwohin führenden Lyrik aus der Zeit mit Foyer Des Arts hat sich der Ton hier erheblich gewandelt. Es gibt herzzerreißend verzweifelte Liebeskummerlieder zu hören wie etwa Die Ratten oder Zusammen ("Du sagtest / und na, wie geht’s dir so / wohnst du immer noch in der alten Wohnung / nein, ich wohne in dem weißen Haus / vor dem zwei weiße Pferde stehen / und warten") oder Reflexionen auf die Unbehaustheit des Ichs in einer generell mittelmäßigen Welt wie dem zu einem trügerisch gut gelaunten Schub-di-du-Scat-Rhythmus dargebotenen Anspruchsvolle Seele ("Hast ein Mensch gefunden / ein Mensch für wilde Küsse / doch schon nach zwei Stunden geht er dir auf die Nüsse / sei nicht so verzogen / schraub den Anspruch runter / vergiss dein Ideal / dann hast du wieder einen Mensch / für deine Seele / gottverfluchte Seele"). Je abstrakter und selbstbezüglicher die Musik wird, von der Goldt sich begleiten lässt – das ist das Interessante an dieser Werkphase –, desto ungeschützter und unmittelbarer spricht aus seinen Texten das echte und verletzliche Ich.

Manchmal werden die Lieder aus dieser Phase auch von ätherisch gehauchten Frauenchören begleitet, die der Komponist Winkler mittels elektronischer Multiplikation der Berliner Sängerin Elke Brauweiler abgerungen hat (später bekannt aus der Band Paula). Das wirkt als verlässlicher Geschmacks- und Gefühlsverstärker, ist aber in seiner Cremigkeit auch sonderbar kitschig – und passt dazu, dass Max Goldt im Booklet der Box als seine Lieblingsband die Cocteau Twins nennt. Ausgerechnet die Cocteau Twins! Dabei handelt es sich um ein in den Achtzigerjahren vor allem von romantisch veranlagten Abiturienten mit sanften Bewegungsabläufen und Kajalschminke unter den Augen geschätztes schottisches Trio, das buttercremetortendick geschichteten Gitarrenschmalz mit Texten in einer irgendwie gälisch oder elbisch wirkenden Fantasiesprache verband.

Betrachtet man das Goldtsche Schaffen im Jahrzehnte überspannenden Zusammenhang rückwärts, wirkt diese Idiosynkrasie aber plötzlich plausibel: Auf Draußen die herrliche Sonne hört man durchweg jemandem zu, der bei allem vor sich hergetragenen Hass auf die Welt und den sie kulturell prägenden Kitsch selber ein großer Kitschmeister ist und also ein Teil der Welt, die er verachtet. Man entwickelt beim Hören mithin eine ungewohnte Zärtlichkeit für den sonst so abweisenden Künstler. Was nichts daran ändert, dass man sich oft wünscht, zum betreffenden Lied von Max Goldt auch gleich einen fabelhaft formulierten, geistig und sprachlich überlegenen Verriss aus der Feder Max Goldts zu lesen.